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Title: Neue Leitsätze zur Praxis der Individualpsychologie
Description: In Alfred Adler, Praxis und Theorie der Individualpsychologie, München/Wiesbaden, J. F. Bergmann, 1920, Kap. III, S. 16-21.
Author: Alfred Adler
URL: https://adler.school/archivo/adler/original/1913%20Neue%20Leits%C3%A4tze%20zur%20Praxis%20der%20Individualpsychologie
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<!-- S. 16 -->

III.

# Neue Leitsätze zur Praxis der Individualpsychologie.

(1913.)

I. Jede Neurose kann als ein Versuch verstanden werden, sich aus einem Gefühl der Minderwertigkeit zu befreien, um ein Gefühl der Überlegenheit zu gewinnen.

II. Der Weg der Neurose führt nicht auf der Linie der sozialen Aktivität, zielt nicht auf die Lösung der gegebenen Lebensfragen, mündet vielmehr in den kleinen Kreis der Familie und erzielt die Isolierung des Patienten.

III. Der grosse Kreis der Gemeinschaft wird durch ein Arrangement von Überempfindlichkeit und Intoleranz ganz oder weitgehend ausgeschaltet. Dadurch bleibt nur ein kleiner Kreis für die Kunstgriffe zur Überlegenheit und deren Artung übrig. Gleichzeitig wird so die Sicherung und der Rückzug vor den Forderungen der Gemeinschaft und vor den Entscheidungen des Lebens ermöglicht.

IV. Der Wirklichkeit zum grossen Teile abgewandt führt der Nervöse ein Leben in der Einbildung und Phantasie und bedient sich einer Anzahl von Kunstgriffen, die es ihm ermöglichen, realen Forderungen auszuweichen und eine ideale Situation anzustreben, die ihn einer Leistung für die Gemeinschaft und der Verantwortlichkeit enthebt.

V. Diese Enthebungen und die Privilegien der Erkrankung, des Leidens, bieten ihm den Ersatz für das ursprüngliche, riskante Ziel der Überlegenheit.

VI. So stellt sich die Neurose und die Psyche als ein Versuch dar, sich jedem Zwang der Gemeinschaft durch einen Gegenzwang zu entziehen. Letzterer ist derart zugeschnitten, dass er der Eigenart der Umgebung und ihren Forderungen wirkungsvoll entgegentritt. Man kann aus seiner Erscheinungsform, demnach aus der Neurosenwahl, auf beide letztere bindende Schlüsse ziehen.

VII. Der Gegenzwang hat einen revoltierenden Charakter, holt sein Material aus geeigneten affektiven Erlebnissen oder aus Beobachtungen, präokkupiert die Gedanken — und Gefühlssphäre mit solchen Regungen, aber auch mit Nichtigkeiten, wenn sie nur geeignet sind, den Blick und die Aufmerksamkeit des Patienten von seinen Lebensfragen abzulenken. So können, je nach Bedarf der Situation, Angst- und Zwangszustände, Schlaflosigkeit, Ohnmacht, Perversionen, Halluzinationen, krankhafte Affekte, neurasthenische und hypochondrische Komplexe und psychotische Zustandsbilder als Vorwände fertiggestellt werden.

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VIII. Auch die Logik gelangt unter die Diktatur des Gegenzwanges. Dieser Prozess kann bis zur Aufhebung der Logik, wie in der Psychose gehen.

IX. Logik, Wille zum Leben, Liebe, Mitmenschlichkeit, Mitarbeit und Sprache entstammen der Notwendigkeit des menschlichen Zusammenlebens. Gegen sie richtet sie automatisch die Haltung des zur Isolierung strebenden, machtlüsternen Nervösen.

X. Die Heilung der Neurose und Psychose erfordert die erzieherische Umwandlung des Patienten und seine endgültige Rückkehr in die menschliche Gemeinschaft ohne Phrase.

XI. Alles Wollen und alles Streben des Nervösen steht unter dem Diktat seiner Prestigepolitik, greift immer Vorwände auf, um Lebensfragen ungelöst zu lassen und wendet sich automatisch gegen die Entfaltung des Gemeinschaftsgefühls.

XII. Steht die Forderung nach einem einheitlichen Verständnis des Menschen, nach einem Erfassen seiner (unteilbaren) Individualität einmal fest, — zu denen wir einerseits durch die Artung unserer Vernunft, andererseits durch die individualpsychologische Erkenntnis vom Zwang zur Vereinheitlichung der Persönlichkeit genötigt sind, — so hilft uns die *Vergleichung* als das Hauptmittel unserer Methode ein Bild von den Kraftlinien gewinnen, auf denen der einzelne zur Überlegenheit strebt. Als Gegenpole zur Vergleichung dienen uns dabei:

1. Unsere eigene Haltung in einer ähnlichen Situation wie die von einer Forderung gegenwärtig bedrängte des Patienten, — wobei eine erhebliche Gabe der *Einfühlung* auf Seite des Therapeuten notwendig ist.

2. Haltungen und Haltungsanomalien des Patienten aus früheren, immer auch frühkindlichen Zeiten, — die sich immer durch die Position des Kindes in der Umgebung, durch seine fehlerhafte, meist generalisierende Einschätzung, durch sein starrsinnig vertieftes Minderwertigkeitgefühl und durch sein Streben nach Macht determiniert erweisen.

3. Andere Individualtypen, insbesondere deutlich neurotische. Dabei macht man die auffällige Entdeckung, dass der eine Typus etwa durch neurasthenische Beschwerden erreicht, was andere durch Angst, Hysterie, neurotischen Zwang oder durch die Psychose anstreben. Charakterzüge, Affekte, Prinzipien und nervöse Symptome, alle für sich zum gleichen Ziele weisend, aus dem Zusammenhang gerissen oft scheinbar von gegensätzlicher Bedeutung, sichern vor dem Anprall an die Forderungen der Gemeinschaft.

4. Eben diese Forderungen der Gemeinschaft, denen der nervöse stärker oder schwächer ausweicht, wie der Mitarbeit, der Mitmenschlichkeit, der Liebe, der sozialen Einfügung, den Verpflichtungen zur Gemeinschaft.

Man erfährt bei dieser individualpsychologischen Untersuchung, dass der Nervöse stärker als der beiläufig normale sein Seelenleben auf ein Streben nach Macht über den Mitmenschen eingerichtet hat. Seine Sehnsucht nach solcher Überlegenheit bewirkt es auch, dass fremder Zwang, die Forderungen anderer und die Verpflichtungen zur Gemeinschaft beharrlich und weitgehend abgelehnt werden. Die Kenntnis dieser Grundtatsache des nervösen Seelenlebens erleichtert die Einsicht in den <!-- S. 18 --> seelischen Zusammenhang so sehr, dass sie als die brauchbarste Arbeitshypothese zur Erforschung und Heilung nervöser Erkrankungen angesehen werden muss, bis ein weitreichendes Verständnis für das Individuum gestattet, die realen Faktoren des vorliegenden Falles in ihrer Tragweite nachzuempfinden.

* * *

Was den Gesunden an dieser Argumentation und an ihren Folgerungen am meisten irritiert, ist der Zweifel, ob denn ein fiktives Ziel einer gefühlsmässigen Überlegenheit stärker wirken könne als eine vernunftgemässe Überlegung. Aber wir erleben diese Umstellung auf ein Ideal im Leben des Gesunden und ganzer Völker eben so oft. Krieg, politische Ausartungen, Verbrechen, Selbstmord, asketische Bussübungen bieten uns die gleichen Überraschungen, vieles von unseren Qualen und Leiden erzeugen wir selbst und ertragen es im Banne einer Idee.

Dass die Katze Mäuse fängt, sich sogar, ohne es je gesehen zu haben, in den ersten Tagen ihrer Entwicklung schon darauf vorbereitet, ist mindestens ebenso wunderbar, als dass der Nervöse nach seiner Art und Bestimmung, nach seiner Position und Selbsteinschätzung jeglichem Zwange ausweicht, ihn unerträglich findet und heimlich oder offen, bewusst oder unbewusst nach Vorwänden sucht, um sich von ihm zu befreien, meistens auch diese Vorwände selber ins Leben ruft.

Der Grund für die Intoleranz des Nervösen gegen den Zwang der Gemeinschaft liegt, wie aus der Kindheitsgeschichte hervorgeht, in einer andauernden, meist viele Jahre geübten Kampfstellung gegen die Umgebung. Dieser Kampf wird dem Kinde aufgedrängt, ohne dass eine volle Berechtigung zu solcher Reaktion vorläge, durch eine körperlich oder seelisch vermittelte Position, aus der das Kind andauernde oder verschärfte Minderwertigkeitsgefühle empfängt. Der Zweck der Kampfstellung ist die Eroberung von Macht und Geltung, das Ziel: ein mit kindlicher Unfähigkeit und Überschätzung aufgebautes Ideal der Überlegenheit, dessen Erfüllung Kompensationen und Überkompensationen ganz allgemeiner Art bietet, in dessen Verfolgung sich aber immer auch der Sieg über den Zwang der Gesellschaft und über den Willen der Umgebung einstellt. Sobald dieser Kampf schärfere Formen angenommen hat, erzeugt er aus sich heraus die Intoleranz gegen Zwang aller Art, gegen Zwang der Erziehung, der Wirklichkeit und Gemeinschaft, der fremden Stärke, der eigenen Schwäche, aller natürlich gegebenen Faktoren wie Arbeit, Reinlichkeit, Nahrungsaufnahme, normaler Harn- und Stuhlentleerung, des Schlafes, der Krankheitsbehandlung, der Liebe und Zärtlichkeit und Freundschaft, des Alleinseins wie der Geselligkeit. In toto ergibt sich das Bild eines Menschen, der nicht mitspielen will, des Spielverderbers. Wo sich die Intoleranz gegen das Erwachen von Gefühlen der Liebe und Kameradschaft richtet, bereitet sie einen Zustand von Liebes- und Ehescheu vor, deren Grade und Formen ausserordentlich vielgestaltig sein können. An dieser Stelle sollen noch einige Formen des Zwanges, dem Normalen kaum spürbar, vermerkt werden, die fast regelmässig durch ein nervöses oder psychotisches Zustandsbild verhindert werden. So der Zwang anzuerkennen, zuzuhören, sich unterzuordnen, die Wahrheit zu sprechen, zu studieren oder Prüfung zu machen, pünktlich zu sein, sich einer Person, einem Wagen, der Eisen<!-- S. 19 -->bahn anzuvertrauen, das Haus, das Geschäft, die Kinder, den Gatten, sich selbst anderen Personen anzuvertrauen, der Hauswirtschaft, einem Berufe zu obliegen, zu heiraten, dem andern recht zu geben, dankbar zu sein, Kinder zu gebären, die eigene Geschlechtsrolle zu spielen oder sich erotisch gebunden zu fühlen, des Morgens aufzustehen, des Nachts zu schlafen, die Gleichberechtigung und Gleichstellung des andern, des weiblichen Geschlechts anzuerkennen, Mass zu halten, Treue zu bewahren usw. Alle diese Idiosynkrasien können bewusst oder unbewusst sein, sind aber vom Patienten niemals in ihrer ganzen Bedeutung erfasst worden.

Diese Betrachtung lehrt uns zweierlei:

1. Der Begriff des Zwanges zeigt sich beim Nervösen ungeheuer erweitert und umfasst, — wenn auch logisch, so doch — Beziehungen, wie sie der Normale nicht unter das Schema des Zwanges einreiht.

2. Diese Intoleranz ist keine Enderscheinung sondern weist über sich hinaus, hat immer eine Fortsetzung, eine sauere Gärung zur Folge, bedeutet stets eine Kampfposition und zeigt, uns in einem scheinbar ruhenden Punkt, das Streben des Nervösen nach Überwältigung des anderen, nach tendenziöser Vergewaltigung der logischen Folgerungen aus dem menschlichen Zusammenleben. „Non me rebus, sed mihi res subigere conor.“ Horaz, dessen Brief an Mäcenas diese Stelle entnommen ist, weist dort auch darauf hin, wo diese aufgepeitschte Gier nach Geltung endet: in Kopfschmerz und in Schlaflosigkeit.

* * *

Ein 35jähriger Patient klagt, dass er seit mehreren Jahren an Schlaflosigkeit, Zwangsgrübeln und Zwangsmasturbation leide. Letzteres Symptom sei besonders auffällig, weil Patient verheiratet und Vater von 2 Kindern sei und mit seiner Gattin in guter Ehe lebe. Von anderen quälenden Erscheinungen müsse er noch über einen „Gummifetischismus“ berichten. Von Zeit zu Zeit nämlich, in Situationen irgendwelcher Erregung, dränge sich ihm das Wort „Gummi“ auf die Lippen.

Die Ergebnisse einer eingehenden individualpsychologischen Untersuchung waren folgende: aus einer Periode äusserster Gedrücktheit in der Kindheit, in der Patient Bettnässer gewesen war und wegen seiner Ungeschicklichkeit als blödes Kind galt, hat er eine *Richtungslinie des Ehrgeizes* so weit entwickelt, dass sie in eine *Grössenidee* mündete. Der Druck seiner Umgebung, der wirklich in ungeheurem Masse bestand, legte ihm das Bild einer *durchaus feindlichen Aussenwelt* nahe und gab ihm den dauernd pessimistischen Blick fürs Leben. Alle Forderungen der Aussenwelt empfand er in dieser Stimmungslage als unerträglichen Zwang und antwortete auf sie mit Bettnässen und Ungeschicklichkeit, bis er auf einen Lehrer traf, der ihm, zum erstenmal in seinem Leben, das Bild eines guten Mitmenschen klar vor die Seele rückte. Nun begann er seinen Trotz und seine Wut gegen die Forderungen der anderen, seine Kampfstellung gegen die Gemeinschaft so weit zu mildern, dass ihm die Möglichkeit blieb, das Bettnässen zu beenden, ein vorzüglicher, „begabter“ Schüler zu werden und im Leben <!-- S. 20 --> nach den höchsten Zielen zu streben. Die Intoleranz gegen den Zwang der anderen erledigte er wie ein Dichter und Philosoph durch einen Griff ins Transzendentale. Er entwickelte eine gefühlsbetonte Idee, als ob er *das einzige lebende Wesen* sei, alles andere aber, und insbesondere die Menschen, nur Schein. Die Verwandtschaft mit Ideen Schopenhauers, Fichtes und Kants ist nicht von der Hand zu weisen. Die tiefere Absicht aber war, sich durch eine Entwertung des Seienden zu sichern, „der Zeiten Spott und Zweifel“ zu entgehen, indem er durch einen *Zauber*, wie er den Wünschen unsicherer Kinder entspricht, den Tatsachen ihre Kraft benimmt. Auf diesem Wege wurde ihm der *Radiergummi* Symbol und Zeichen seiner Kraft, weil dieser dem Kinde als Vernichter des Sichtbaren wie eine erfüllte Möglichkeit erschien. Der Sachverhalt lockte zur Überwertung und Generalisierung, und so wurde ihm Wort und Begriff „Gummi“ zur siegreichen Losung, sobald ihm Schule und Haus, später Mann oder Frau, Weib oder Kind irgendwelche Schwierigkeiten boten, ihn mit Zwang bedrohten.

In nahezu poetischer Art kam er da zum Ziele des isolierten Helden, erfüllte sein Streben nach Macht und sagte der Gemeinschaft ab. Aber seine immer besser werdende äussere Position verlockte ihn nicht, die realen, unsterblichen Gemeinschaftsgefühle ganz beiseite zu werfen; von der Logik, *die uns alle bindet*, und von der Erotik ging wenig verloren, so dass ihm das Schicksal einer *paranoischen Erkrankung* erspart blieb. Es reichte nur zu einer Zwangsneurose.

Seine Erotik baute sich nicht auf dem unversehrten Gemeinschaftsgefühl auf. Sie geriet vielmehr unter die Leitlinie des Machtstrebens. Da sich für ihn der Begriff und das Gefühl „Macht“ mit dem Zauberwort „Gummi“ verband, suchte und fand er ein Stichwort für die Freimachung seiner Sexualität im Bilde des *Gummigürtels*. Nicht mehr die Frau, sondern der Gummigürtel, kein persönliches, sondern ein dingliches Objekt wirkte auf ihn. So wurde er in der Sicherung seines Machtrausches und in der herabsetzenden Tendenz gegen die Frau zum Fetischisten, eine Spiegelfechterei, wie sie regelmässig als Ausgangspunkt des Fetischismus zu finden ist. Wäre das Vertrauen zur eigenen Männlichkeit noch geringer gewesen, so hätten wir Züge von Homosexualität, Pädophilie, Gerontophilie, Nekrophilie und ähnliches auftauchen gesehen.

Seine Zwangsmasturbation zeigt den gleichen Grundcharakter. Auch sie dient der von ihm empfundenen Nötigung, dem Zwange der Liebe, dem „Zauber“ der Frau zu entfliehen.

Die Schlaflosigkeit ist unmittelbar durch das Zwangsgrübeln erzwungen. Letzteres kämpft gegen den Zwang des Schlafes. Sein unstillbarer Ehrgeiz treibt ihn, die Nacht zur Lösung seiner Tagesfragen zu verwenden. Hat er doch, ein zweiter Alexander, so wenig noch erreicht! Gleichzeitig freilich schielt die Schlaflosigkeit nach einer anderen Seite. Sie schwächt seine Energie und Tatkraft. Sie wird seine Krankheitslegitimation. Was er bisher zustande gebracht hat, war sozusagen mit einer Hand, trotz der Schlaflosigkeit geleistet. Was hätte er alles erreicht, wenn er schlafen könnte! Er kann aber nicht schlafen, — und er erbringt auf dem Wege des Zwangsgrübelns bei Nacht — sein *Alibi*. Nun ist seine Einzigartigkeit, seine Gottähnlichkeit gerettet. Alle Schuld für ein etwaiges Defizit fällt nicht mehr auf seine Persönlichkeit sondern auf den rätselvollen, fatalen Umstand seiner Schlaflosigkeit. Dieses <!-- S. 21 --> Kranksein ist ein unangenehmer Zufall, an seinem Verharren ist nicht er, sondern die mangelhafte Kunst der Ärzte schuld. Sollte er den Beweis für seine Grösse schuldig bleiben, so fällt es den Ärzten zur Last. Wie man sieht, hat er kein kleines Interesse am Kranksein, und er wird es den Ärzten nicht leicht machen.

Interessant ist, wie er, um seine Gottähnlichkeit zu retten, das Problem des Lebens und des Todes löst. Er hat immer noch die Empfindung, als ob seine Mutter, die vor 12 Jahren gestorben war, noch am Leben sei. Aber eine bemerkenswerte Unsicherheit liegt in seiner Annahme, die stärker auftritt, als etwa ein zartes Gefühl kurz nach dem Tode nahestehender Personen, wie es häufig geäussert wird. Der Zweifel an seiner tollen Annahme stammt auch gar nicht aus einer unbeeinflussten Logik. Er erklärt sich erst durch die individualpsychologische Einsicht. Ist alles nur Schein, dann kann seine Mutter nicht gestorben sein. Lebt sie aber, so fällt die tragende Idee seiner Einzigkeit. Er ist mit der Lösung dieses Problems ebensowenig fertig geworden wie die Philosophie mit der Idee der Welt als Vorstellung. Und auf den Zwang, den Unfug des Sterbens antwortet er mit einem Zweifel.

Der Zusammenhang aller seiner Krankheitserscheinungen gilt ihm heute als Legitimation, sich allerlei Privilegien zu sichern, seiner Frau, seinen Verwandten, seinen Untergebenen gegenüber. Auch die Hochachtung vor sich selbst kann niemals Schaden leiden, denn mit Rücksicht auf sein Leiden ist er immer grösser als er ist, kann auch schwierigeren Unternehmungen unter Hinweis auf seine Erkrankung jederzeit ausweichen. Er kann aber auch anders. Seinem Vorgesetzten gegenüber ist er der pflichtgetreueste, fleissigste und gehorsamste Beamte, erfreut sich dessen vollkommenster Zufriedenheit, zielt aber heimlich ununterbrochen nach der Überlegenheit über ihn.

Das überhitzte Streben nach dem Gefühl der Macht über andere hat ihn krank gemacht. Sein Gefühls- und Empfindungsleben, Initiative und Tatkraft, auch seine Logik gerieten unter den selbstgesetzten Zwang seines Begehrens nach Allüberlegenheit, seine Mitmenschlichkeit, damit auch Liebe, Freundschaft und Einfügung in die Gesellschaft waren verloren gegangen. Seine Heilung konnte nur gelingen durch den Abbau seiner Prestigepolitik und unter Entfaltung des Gemeinschaftsgefühls.

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*Fuente:* Alfred Adler, «Neue Leitsätze zur Praxis der Individualpsychologie (1913)», en *Praxis und Theorie der Individualpsychologie. Vorträge zur Einführung in die Psychotherapie für Ärzte, Psychologen und Lehrer*, Múnich/Wiesbaden, J. F. Bergmann, 1920, cap. III, págs. 16-21; transcripción del ejemplar de la University of Michigan digitalizado por Google y publicado en archive.org (praxisundtheori00adlegoog; fichero local `materiales/1920/1920_Praxis-und-Theorie-der-Individualpsychologie__archive.pdf`, págs. 29-34 del PDF). El OCR de ese ejemplar es deficiente: el texto se ha transcrito de nuevo con OCR propio (Tesseract, `deu`, 300 ppp), corregido línea a línea sobre las imágenes de las páginas. El capítulo lleva la fecha «(1913.)»; el inventario de obras (AA1913-09) da como primera publicación, sin verificar, la *Ärztliche Standeszeitung* 12 (1913), que no se ha podido consultar. Ortografía original de 1920 (ss por ß, como en la impresión). Se respetan las erratas impresas «Gegen sie richtet sie automatisch» (S. 17, por *sich*), «Minderwertigkeitgefühl» (S. 17) y «die Neurose und die Psyche» (S. 16, quizá por *Psychose*). Las dos rayas separadoras del original (S. 18 y S. 19) se dan como `* * *`. Las cursivas reproducen el espaciado (*Sperrsatz*) del original. Los comentarios `S. n` del código marcan el comienzo de cada página impresa. Forma parte del libro [*Praxis und Theorie der Individualpsychologie*](https://adler.school/archivo/adler/original/1920%20Praxis%20und%20Theorie%20der%20Individualpsychologie) (1920), cap. III.
