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Title: Vorwort des Herausgebers
Description: Vorwort zu: Carl Furtmüller, Psychoanalyse und Ethik. Eine vorläufige Untersuchung (Schriften des Vereins für freie psychoanalytische Forschung, No. 1). München: Ernst Reinhardt, 1912, S. V-VII. Datiert Wien, 25. März 1912.
Author: Alfred Adler
URL: https://adler.school/archivo/adler/original/1912-03%20Vorwort%20des%20Herausgebers
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<!-- Se omiten el aviso «An die Leser», firmado por «Der Vorstand des „Vereins für freie psychoanalytische Forschung“» (S. [III]), y la lista de cuadernos en preparación que sigue a la firma de Adler (S. VII). -->

<!-- S. V -->

# Vorwort des Herausgebers.

Die „Schriften des Vereins für freie psychoanalytische Forschung“ verfolgen den Zweck, empirisch gewonnene Resultate der Neurosenpsychologie, soweit sie ihre Eignung erwiesen haben, zur weitern Behandlung philosophischer, psychologischer und pädagogischer Fragen in Anwendung zu bringen. Uns leitet dabei der Gedanke, bei der Frage nach dem „Sinn“ eines psychischen Geschehens sowohl Ursachen als Richtung und Zweck desselben, Elemente und Zusammenhänge wie im Fluß sehen zu können.

Damit sagen wir, daß wir bei unseren psychologischen Analysen einer Zielvorstellung Raum geben, die uns bei der Untersuchung eines Problems oder einer Persönlichkeit leitet. Individuum aber und Phänomen sind für unsere Betrachtung, wo immer wir diese anstellen, *ein Bild einer Entwicklungsreihe, ein Mikrokosmus, ein Symbol der Totalität*. Insoferne wir in der Genese einer Erscheinung nach Vergleichspunkten suchen, ist unsere Forschungsrichtung eine *vergleichende*, die sich auf das Individuum erstreckt. Da wir das Verständnis für die Persönlichkeit aus seiner Vergangenheit und Zukunft holen wollen, rechnen wir mit den Entwicklungsfaktoren. In der Dynamik der menschlichen Psyche sehen wir alle Richtung gegeben durch ein unbewußt gesetztes, unablässig wirkendes Ziel. Von ihm stammt die Formung des Individuums, die Richtung seines Denkens und Wollens und die Abtönung seiner Persönlichkeit. Die unerschöpfliche Kraft des menschlichen Forderns und Begehrens *quillt aus der Heiligkeit der leitenden Idee*. Deren Spuren zu verstehen, mag sie sich als Weltanschauung, als Kunst, als Wissenschaft oder als Religion zum Ausdruck bringen, ist die Forderung, die wir an unsre Arbeit stellen.

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So ist auch ein weiterer Charakter unserer Anschauungen enthüllt, als der einer *planmäßigen Betrachtung des psychischen Geschehens*, wie es sich unter der Leitung einer unbewußt wirkenden Idee vollzieht.

Im selben Sinne sind die körperlichen Eigenschaften des Menschen *ein Symbol*, das dessen Herkunft, seine Gegenwart und sein Schicksal verrät. Form und Leistung der körperlichen Organe sind die Merkmale seiner Wertigkeit und geben ein Bild von der Stellung seines Trägers in der Welt. In der Seele des Kindes spiegelt sich die relative *Minderwertigkeit seiner körperlichen Organe* und erzeugt im tiefsten Grunde ein Gefühl von der *Unsicherheit des Lebens*. Mit dieser dürftigen Selbsteinschätzung baut das Kind unter schattenhaften Erkenntnissen seinen *Lebensplan*. Den hält es umso fester, je stärker sein Minderwertigkeitsgefühl nach Kompensationen drängt. Der Lebensplan, das ist die äußerste, richtende Grenze für sein Wollen, und ihn sucht es in der Unrast, in dem Chaos der Taten fordernden Wirklichkeit zu vollenden. Die Lehre von der *Minderwertigkeit der Organe, von den psychischen Kompensationen und Sicherungstendenzen* knüpft an uralte Völkerweisheit an und leitet geniale Utopien älterer Autoren in die Bahn der Wissenschaft.

So fügt sich die Lehre von den menschlichen Ausdrucksformen den anderen Forderungen unserer Wissenschaft an. Wir verfolgen sie im Leben und Spiel des Kindes und des Erwachsenen, in seinen Affekten, in seinen Leistungen und in den krankhaften seelischen Phänomenen. Ebenso zielt unsre Arbeit auf ein Verständnis der Leitlinien von Moral und Ethik, auf vermehrte Einsichten in die Volksseele, in das Seelenleben des Künstlers, des normalen und des krankhaft veränderten Menschen.

Der Verein, in dessen Namen ich die „Schriften“ herausgebe, soll weiterhin die Pflegestätte unserer Wissenschaft sein. Die zur Veröffentlichung bestimmten Studien sind dort in gemeinsamer Arbeit herangereift. Sie werden zeigen, daß wir die Geltung auch anderer Gesichtspunkte in der Psychologie und anderer Richtungen nicht bestreiten. Wir nehmen uns <!-- S. VII --> aber das Recht, uns des Dogmas zu entschlagen und unsren eigenen Weg zu verfolgen. Zur Mitarbeit sind alle geladen, die sich der Bedeutung unsrer Forschungsrichtung bewußt sind. Von unsren Lesern erwarten wir, daß ihnen das Vorurteil nicht im Wege sei, das neue Arbeiten und Befunde so oft begleitet.

Wien, am 25. März 1912.

Dr. Alfred Adler.

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*Fuente:* transcripción a partir de Carl Furtmüller, *Psychoanalyse und Ethik. Eine vorläufige Untersuchung* (Schriften des Vereins für freie psychoanalytische Forschung, No. 1), München, Ernst Reinhardt, 1912, S. V-VII, ejemplar de la University of California digitalizado (Internet Archive; fichero local `1912/1912-03_Schriften-Verein-freie-psychoanalyt-Forschung_H1_Furtmueller-Psychoanalyse-und-Ethik_Geleitwort-Adler__archive.pdf`, págs. 9-11 del PDF). OCR de Internet Archive corregido íntegramente sobre las imágenes. Se omiten el aviso «An die Leser», firmado por la junta directiva del Verein, y la lista de cuadernos en preparación. Las cursivas reproducen el espaciado del original. Los comentarios `S. n` marcan el comienzo de cada página impresa.
