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Title: Syphilidophobie. Ein Beitrag zur Bedeutung der Phobien und der Hypochondrie in der Dynamik der Neurose
Description: Zentralblatt für Psychoanalyse. Medizinische Monatsschrift für Seelenkunde 1 (1910/11), H. 9 (1911), S. 400-406 (Originalarbeiten, IV). Nachgedruckt in Geschlecht und Gesellschaft 8 (1912/13), H. 2.
Author: Alfred Adler
URL: https://adler.school/archivo/adler/original/1911-07%20Syphilidophobie
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IV.

# Syphilidophobie.

Ein Beitrag zur Bedeutung der Phobien und der Hypochondrie in der Dynamik der Neurose.

Von Dr. **Alfred Adler,** Wien.

Es kommt mir selten ein Fall von Neurose vor, der nicht in ausgeprägter Weise Gedankengänge der Syphilisfurcht verriete. Bald steht dieses Symptom im Vordergrund, ist oft das einzige, dessentwegen der Patient den Arzt aufsucht, bald wieder verwebt es sich mit einer Unzahl anderer Symptome in der mannigfaltigsten Weise. Meist sind es Patienten, die noch keine Infektion durchgemacht haben. Aber auch ehemals infizierte Neurotiker zeigen zuweilen eine derartige Phobie, ersetzen sie jedoch häufiger durch die Furcht vor Gonorrhöe, vor Morpiones und Ungeziefer, oder vor Tabes und Paralyse, oder sie zittern vor dem Schicksal ihrer noch lange nicht geborenen Kinder. Stets heftet sich ein ungeheures Interesse an den Syphiliskomplex, in Wort und Schrift jagen sie diesem Thema nach, und nicht selten findet man auch, wie sich diese Aufmerksamkeit zeichnerisch, malerisch betätigt.

Dass die Phobiker und Hypochonder *vorsichtig* sind, wäre eine Binsenwahrheit, und es lohnte nicht der Mühe, davon zu sprechen, *wenn sie diesen Charakterzug nicht mit jedem Neurotiker teilten.* Eine eingehende Analyse dieser Zustände kann jeden leicht belehren, dass die phobischen und hypochondrischen Symptome eine ausgezeichnete Eignung besitzen, ihren Träger vor einer Gefahr zu sichern, ja dass Vorsicht in unserem Sinne fast überflüssig erscheint, *da sie ganz durch die Phobie ersetzt werden kann.*

Nun entstehen jene Zustandsbilder, deren Auflösung und Verständnis so grosse Anforderungen an den Neurologen stellen. *Da die Phobie aus der Sicherungstendenz entspringt,* den Patienten mehr als genugsam behütet, darf er sich schon den Luxus erlauben, Unvorsichtigkeiten zu begehen. In der Tat kann jeder Syphilidophobe Beweise erbringen, wie unvorsichtig er sein kann. *Steckel* hat in seinen „Nervösen Angstzuständen“ (Urban und Schwarzenberg, Berlin und Wien 1908) auf diese „Bipolarität“ kurz hingewiesen. Der psychische Zusammenhang dieser, wie *Bleuler* sagen würde, „voluntären Ambivalenz“ ist damit allerdings noch nicht einmal angedeutet. Er liegt in der *Dynamik des psychischen Hermaphroditismus mit folgendem männlichen Protest,* und die kontrollierende, sozusagen zuschauende („sen- <!-- S. 401 --> timentalische“ *Schiller's!*) Instanz des neurotischen Seelenlebens gerät unter den Eindruck: „So unvorsichtig kann ich sein! Ich kenne keine Grenzen! Also Vorsicht!“ Dies ist die zwingende Seelenregung des Phobikers, die er regelmässig auftauchen lässt, ob er sich nun irgendwelcher Unvorsichtigkeiten erinnert, oder ob er sie, was wohl bedeutungsvoller wird, *arrangiert.*

In dieses *neurotische Arrangement* gehört z. B. die dauernde oder gelegentliche Abneigung gegen Schutzmassregeln. Als Erklärung für diesen „Leichtsinn“ hört man stets die gleichen scheinbaren Ungereimtheiten: „die Schutzmassregeln taugen nichts!“ — Oder: „Ich bin nicht imstande, ein Kondom zu benützen.“ Und ähnliches mehr.

Dass diese Einwände des leichtsinnig scheinenden Neurotikers eine gewisse Berechtigung haben, soll nicht geleugnet werden. Aber diese Berechtigung sollte doch für alle gelten! Und in der Tat überzeugt man sich leicht, dass der Syphilidophobe dieser Kategorie auch anders kann, dass er auch Schutzmassregeln anzuwenden imstande ist.

In diesem Gebaren liegt derselbe Sinn, den ich in meinen früheren Arbeiten (in dieser Zeitschrift und in der „Disposition zur Neurose“, Jahrbuch *Bleuler-Freud* 1910) wiederholt beschrieben habe: der Patient spielt mit der Gefahr, läuft seinen Ohrfeigen nach, nur um sich in sein Sicherungsnetz um so fester einzuspinnen, um sich die Gefahren der Aussenwelt und seine eigene Minderwertigkeit recht drastisch vor die Seele zu rücken. Ein Patient, der kurz nach einer erworbenen Lues wegen anderer nervöser Symptome in meine Behandlung kam, drückte dieses Verhältnis mit den Worten aus: „Jetzt bin ich erst von meiner Neurose erleichtert, seit ich an Lues erkrankt bin. Seit 10 Jahren habe ich auf diese Infektion mit Angst und Bangen gewartet!“

Die meisten der Syphilidophoben rücken allerdings mit ihrer Sicherungstendenz direkt gegen die Infektionsgefahr. Sie sichern sich auf allen entfernteren und näheren Gebieten, die mit der Infektionsmöglichkeit zusammenhängen, vermeiden sogar Berührungen, Trinken aus fremden Gläsern, schliessen sich von Gesellschaften ab und können nur den eigenen Abtritt benützen. In den weiteren Kreis ihrer Sicherungen gehören Masturbation, Ejaculatio praecox, Pollutionen und psychische Impotenz. Auch gewisse Charakterzüge werden masslos verstärkt. So der *Geiz.* Dadurch ist ihnen der Weg zur Frau aufs äusserste erschwert. Ihre *Ästhetik* und ihre *ethischen Grundsätze* erreichen ein unheimliches Mass, ihre Augen, Ohren und Nasen wittern überall Unrat und Fehler. Die syphilidophobischen Mädchen flirten oft unaufhörlich, schrecken aber vor der Liebe und Ehe wie die männlichen Patienten zurück. Wegen des Geruchs, wegen der Unreinlichkeit, wegen der Flatterhaftigkeit, Verlogenheit, — weil die Männer nicht rein in die Ehe treten —, also lauten die bezüglichen Erklärungsversuche. Nicht so selten hört man von Mädchen die Befürchtung, vom Manne in der Ehe infiziert zu werden. Weitere Sicherungen solcher Frauen sind Frigidität, solcher Männer und Frauen Homosexualität und Perversionen[^1].

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Ist man in der Analyse bis zu diesen Zusammenhängen vorgedrungen, und versteht der Patient seine Syphilisfurcht als eine Form der Rückendeckung, als eine *halluzinatorische Erregung,* die ihm fast die letzte Konsequenz eines unbedachten Schrittes vorspiegelt, nämlich den bevorstehenden Eintritt der Infektion[^2], so klingt die Syphilidophobie in vielen Fällen ab. Eine radikale Heilung der Neurose — und in vielen Fällen muss man bis ans Ende der Aufklärung gehen —, erfordert ein tieferes Erfassen der unbewussten Grundtatsachen und Regungen. Die Endergebnisse einer solchen Analyse sind folgende:

1. Die Syphilidophobie ist nie die einzige Form der Sicherung, sondern kooperiert regelmässig mit allen oder den meisten der neurotischen Sicherungstendenzen. (Siehe über *neurotischen Charakter,* Heft 1 und 2 dieses Zentralblattes: Die psychische Behandlung der Trigeminusneuralgie.)

2. Alle Sicherungstendenzen werden eingeleitet durch die Erscheinung ängstlicher Erwartungen.

3. Die ängstliche Erwartung resultiert aus dem Gefühl der Minderwertigkeit und Unsicherheit, das durch Organminderwertigkeit und durch die Furcht vor einer dauernd weiblichen Rolle im Stadium der Kindheit erworben und in der späteren Entwickelung grösstenteils im Unbewussten festgehalten wird.

Die Formen dieser neurotischen Dynamik habe ich in den Beiträgen zu dieser Zeitschrift auseinandergesetzt, sie betreffen die verschiedenen Versuche eines männlichen Protestes gegenüber der Empfindung einer weiblichen Rolle und beziehen sich auf einen Gegensatz der wörtlich und figürlich in den Beziehungen von „*Unten und Oben*“ zum Ausdruck kommt.

Besonders deutlich tritt bei den Syphilidophoben aus dem Kreise der Sicherungstendenzen die *Furcht vor der Frau* hervor. In der Vorgeschichte findet man starke, männlich geartete Mütter oder Väter, deren Überlebensgrösse auf das Kind gedrückt und dessen Neurose mitverschuldet hat. Die entarteten Kinder genialer Menschen geben den Schulfall ab. Der Neurotiker hilft sich mit der *Entwertung* von Mann und Frau, um dem Gefühl der eigenen Minderwertigkeit zu entgehen.

Ebenso deutlich tritt eine auffallend übertriebene *Sucht nach Reinlichkeit* auf, gleichfalls in der Sicherungstendenz gelegen, und äussert sich oft in Waschzwang, Furcht vor Flecken, Schmutz und Staub. Dass dabei den Stuhl- und Harnfunktionen ein geradezu rituelles Gepräge gegeben wird, wobei nicht selten *Obstipation als Zeichen des Reinlichkeitsdranges* auftritt, liegt auf der gleichen Linie. Organische Minderwertigkeitserscheinungen des Darm- und Harnapparetes (Hämorrhoiden, Fissuren, Hypospadie, Enuresis und Erkrankungen der beiden Apparate in der Vorgeschichte) sind häufig, und deren Äusserungen werden als schreckende Spuren von der Erinnerung bewahrt.

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Die Phantasietätigkeit umrankt fortwährend — entsprechend der frühzeitig erregten und eingestellten Aufmerksamkeit — Probleme des Krankseins, des Sterbens, der Schwangerschaft und des Gebärens (auch bei Männern), heftet sich an Ausschläge, Flecken, Schwellungen, und verwendet sie in symbolischer Weise *ebenso wie Gedankengänge über Kastration und Kleinheit des Penis. Das Empfinden einer nicht erreichten, nie ganz zu vollendenden Männlichkeit führt kompensatorisch masslose Übertreibungen herrschsüchtiger, sadistischer und erotischer Regungen herbei.*

Ein überaus verschärftes *Misstrauen,* die immerwährende *Sucht, bei Anderen Fehler zu entdecken,* steht mit der *Entwertungstendenz* (s. Heft 5 u. 6 dieses Zentralblattes: Zur Lehre vom Widerstand) im Zusammenhang und hindert jede dauernde freundschaftliche und erotische Beziehung. Eine weitere Lebensschwierigkeit schafft der aus der Kindheit übernommene *Zweifel,* ursprünglich aus dem Gefühl der Minderwertigkeit erwachsen, die hervorstechendste Form der ursprünglichen Unsicherheit.

Aus Erlebnissen, wie sie jedermann zu Gebote stehen, holen die Syphilidophoben ihre Überzeugung von ihrer *alles überschreitenden Erotik.* Diese Überzeugung drückt auf ihre Entschliessungen, ruft die Phobie hervor und steigert sie stetig. Genügt diese nicht vollkommen, um den Patienten zu sichern, dann kommt es zu psychischer Impotenz oder anderen Sicherungen. Nicht selten gesellen sich weitere Phobien, wie Platzangst, Erythrophobie etc., und andere hysterische, neurasthenische und Zwangserscheinungen hinzu und machen den Patienten gesellschaftsunfähig, um ihn vor Liebe und Ehe zu schützen. Einmal beobachtete ich eine Kombination mit Nieskrampf, in der sich der Patient wie der Held in *Vischer's* „Auch Einer“ benahm, ohne dass er diesen Roman gekannt hätte.

*Syphilidophobe Mädchen zeigen sich vollkommen in der männlichen Einstellung.* (Siehe meine Arbeit in Heft 4 dieser Zeitschrift.) *Die Entwertung* des Mannes erreicht bei ihnen die gleiche Stärke, wie die der Frauen bei den männlichen Phobikern.

Die Bedeutung der *Phobie als Sicherung* wird ganz klar in solchen Fällen, wo der Patient, meist wenn er mit der Verheiratung ernst machen soll, ein Exanthem oder öfters einen gonorrhoischen Ausfluss fälschlich an sich bemerkt und die Flucht ergreift. Organminderwertigkeitszeichen, wie paraurethrale Gänge, Phimose, kleiner Penis, Kryptorchismus oder kleine Testes, vergrösserte Labia minora, sind öfters zu konstatieren.

Die Analyse ergibt, wie so oft in der Neurosenpsychologie, eine Aufklärung, die dem Standpunkt des Patienten gerade entgegengesetzt ist. Der Patient gibt an, er fürchte die Lues und hüte sich deshalb vor dem Sexualverkehr. Wir können ihm nachweisen: *er fürchtet die Frau (resp. den Mann) und deshalb arrangiert er die Syphilophobie.* Immer dringt die Kampftendenz gegen das andere Geschlecht durch und lässt sich bis ins früheste Kindesalter zurückverfolgen. Ich habe auf die literarische und wissenschaftliche Verwendung dieses Problems bereits hingewiesen (*Schopenhauer, Strindberg, Moe-* <!-- S. 404 --> *bius, Fliess, Weininger*) und will nur kurz auf die *Ubiquität dieser Phobie vor der Frau in Dichtkunst und Malerei* aufmerksam machen. Wegen der scharfen Problemstellung ist mir noch der Dichter *Georg Engel* („Die Furcht vor der Frau“ und „Der Reiter auf dem Regenbogen“) aufgefallen, sowie die gedankenreiche Arbeit *Philipp Frey's:* „Der Kampf der Geschlechter“[^3].

*Schopenhauer* lässt sich in den „Aphorismen zur Lebensweisheit“ folgendermassen vernehmen: „Sie zusammen (das ritterliche Ehrenprinzip und die venerische Krankheit) haben νεικος και φιλια des Lebens vergiftet. Die venerische Krankheit nämlich erstreckt ihren Einfluss viel weiter, als es auf den ersten Blick scheinen möchte, indem derselbe keineswegs ein bloss physischer, sondern auch ein moralischer ist. Seitdem Amors Köcher auch vergiftete Pfeile führt, ist in das Verhältnis der Geschlechter zueinander ein fremdartiges, feindseliges, ja teuflisches Element gekommen; infolge wovon ein finsteres und furchtsames Misstrauen es durchzieht; und der mittelbare Einfluss einer solchen Änderung in der Grundfeste aller menschlichen Gemeinschaft erstreckt sich, mehr oder weniger, auch auf die übrigen geselligen Verhältnisse; — —.“ Wir tun dem Späherauge des grossen Philosophen wohl keinen Abtrag, wenn wir auch sein „feindseliges“ Verhältnis zur Frau in Zusammenhang bringen mit seiner ursprünglichen feindseligen Regung gegen die starke Mutter. Dass *Schopenhauer* auch in den übrigen Punkten unserer Schilderung des Syphilidophoben gerecht wird, ist männiglich bekannt. Hervorheben will ich *sein Beben und sein Erstaunen über die Macht des Sexualtriebes,* seine *Überempfindlichkeit,* sein *Misstrauen* und die stark ausgeprägte *Entwertungstendenz* gegen Mann und Frau. Gab er doch seinem Hunde den Namen „Mensch“. Seine Verneinung des Lebens ist im selben Sinne Verneinung des Sexualtriebes, wie die Syphilidophobie. Das Motiv ist das gleiche wie bei unseren Neurotikern: der Kampf gegen das starke Weib, die Furcht vor der Frau, *die Furcht nach „Unten“ zu kommen.* — *August Strindberg,* einer der stärksten männlichen Protestler, schreibt im „Buch der Liebe“ über die Waffen der Liebe: „Mit welchen Waffen kann die Frau am besten ihre kleine Person verteidigen, damit sie nicht *unter ihn* kommt und sich verliert?“ Dabei verweise ich auf die neurotische Furcht der Männer vor der Frau, die „oben“ ist, auf den heimlichen Wunsch aller weiblichen Nervösen, *oben* zu sein, wovon in diesen Blättern schon öfters die Rede war.

Ich will noch eine Reihe von *Gemälden* namhaft machen, die aus der gleichen psychischen Dynamik erflossen sind. Der in ihnen sichtbare Antrieb führt so deutlich auf die Furcht vor der Frau zurück, dass es uns nicht wundern wird, alle oben ausgeführten Probleme des Phobikers wieder zu finden. Deutlicher bei symbolischen und stilisierten Darstellungen. Eine Unzahl oft der herrlichsten Werke folgen dem Kampaspa-[^4], Delila- oder Salomemotiv und stellen bei oberflächlicher Betrachtung oft nur den abstrakten Triumph oder die Macht der Liebe dar, oder das Problem ist soweit reduziert, dass bloss die räumlichen Masse (grosse Frau — kleiner Mann, die Frau oben — der Mann unten) die Furcht vor der Frau andeuten.

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Dass sich das *Madonnenmotiv* dazu sehr gut eignet, ist leicht zu erraten. Unter den Reaktionen auf diese ursprüngliche Furcht fehlt die Entwertung der Frau in der überwiegend von *Männern geübten Kunst*[^5] gleichfalls nicht. Entscheidend aber ist, dass man, wie beim Phobiker, ganze Reihen von Bildern aufstellen kann, seien sie nun von einem oder mehreren Künstlern genommen, die fast alle die oben angeführten Sicherungstendenzen aufweisen. Recht augenfällig ist die umfassende Produktion der Probleme bei *Rops,* und die Identität mit den Problemen des Neurotikers bedarf keines weiteren Beweises, wenn wir folgende Bilder der Betrachtung empfehlen: „La dame au pantin“, „Sphinx“, „Pornokrates“, „Cocottocratie“, „Alkoholistin“, *Mors syphilitica.* Es klingt wie der Text zu diesen Bildern und schildert die Empfindung des Syphilidophoben, wenn *Baudelaire* verkündet: „Ich kann mir eine Schönheit ohne ein damit verbundenes Unglück gar nicht vorstellen.“ Und in den „Blumen des Bösen“:

> Du wandelst über Tote, Schönheit, lachst sie aus,  
> Den Schrecken hast du dir zum schönsten Schmuck erwählt,  
> Behängst als liebstes Zierat dich mit Mord und Graus,  
> Der protzig gleissend uns von deinem Stolz erzählt.  
> Du bist der Augenblick, der wehend uns verfliegt,  
> Die Flamme bist du, wie sie knistert und verblasst.  
> Der Mann, der brünstig schönen Frauenleib umschmiegt,  
> Ist gleich dem Sterbenden, der's eigne Grab umfasst[^6].

Der Künstler ist, wie ähnlich schon oft hervorgehoben wurde, aus einem dem Neurotiker verwandten Stoff gefertigt. Seine *aus dem Organischen abgeleitete Unsicherheit* begleitet ihn durch das ganze Leben, nie und nirgends fühlt er sich ganz heimisch; sein Zagen vor der Handlung, vor der Prüfung, das Lampenfieber und die Furcht, nicht zu Ende zu kommen, sind ebenso zu weit getriebene Sicherung, wie das Zurückweichen des Neurotikers in seiner Höhen- oder Platzangst, wie sein Beben vor dem stärksten männlichen Triumph, vor der Liebe. Es erschreckt nicht die Höhe, sondern die Tiefe, und *während seine Gier ihn nach „Oben“ reisst, zittert er vor dem „Unten“.* Die Syphilidophobie ist ein kleiner Ausschnitt aus der Sicherungstendenz, die vor dem „Unten“ behüten soll und es deshalb grauenhaft ausmalt[^7].

In der Praxis ergeben sich meiner Erfahrung nach zumeist Bilder, wie die folgenden, die nach dem Obigen leicht zu durchschauen sind:

I. Ein kürzlich verheirateter Fabrikant, der mit seiner Gattin in glücklicher Ehe lebt, kommt mit der Klage, dass ihn seit einigen Tagen ununterbrochen die Furcht quäle, er werde Lues bekommen. Er könne nicht schlafen und nicht arbeiten; er fürchte sich, im Ehebett zu schlafen, seine <!-- S. 406 --> Frau zu küssen oder sein Badezimmer zu benützen, um nicht auch seine Gattin zu gefährden. Auf näheres Befragen ergibt sich, dass er kurz vor Ausbruch seiner Phobie ein fremdes Mädchen in der Bahn geküsst habe. Die Heilung erfolgte nach zwei Unterredungen, in denen dem Patienten klar gemacht wurde, dass er sich durch die Syphilidophobie vor weiteren Seitensprüngen sichern wolle. — Die Disposition dürfte dadurch kaum beeinflusst worden sein. —

II. Traum aus einer längeren Kur eines Mediziners, der an Zwangsvorstellungen und gehäuften Pollutionen litt.

„Mir träumte, ich sei bei der Türkenbelagerung Wiens anwesend und erwarte die Niederlage und Flucht der Türken. Ich wusste im Traume, um welche Zeit die Türken geschlagen auf der Bildfläche erscheinen müssten, ich hatte es ja gelesen. Um ein Übriges zu tun, nahm ich ein Gewehr und wollte den fliehenden Kara Mustapha unter Zuhilfenahme einiger Genossen gefangen nehmen. Zur bestimmten Zeit tauchte Kara Mustapha mit mehreren anderen auf schwarzen Pferden auf. Meine Gefährten liefen davon. Ich sah mich allein einer riesigen Macht gegenüber, wollte mich auch zur Flucht wenden und erhielt einen Schuss ins Rückenmark. Ich fühlte, wie ich starb.“

Die Deutung ergibt als *Versuch des Vorausdenkens im Traum* Gedanken über den Erwerb einer Lues und deren Ausgang, Tabes und Tod. Die Einfälle gingen über Türken, Halbmond, Halbwelt. Was dem Träumer, einem jungen Mediziner, aus dem Buche bekannt war, betraf die Zeit des Exanthemausbruchs. Der Reiter auf dem schwarzen Ross („Das ist der finstere Thanatos“) ist der Tod. Der Schuss in den Rücken bedeutet ausser Tabes noch das Erleiden einer weiblichen Rolle einem Manne gegenüber (Ein Loch mehr!), der gegenüber der Versuch eines männlichen Protestes im Ergreifen des Gewehres. Schliesslich dringt der männliche Protest auf dem Umweg über die Vorsicht durch: Weg von den Prostituierten! D. h. weg von jenen Frauen, die für den Patienten fast ausschliesslich in Betracht kamen. Und ein weiterer Protestgedanke: *viele* Weiber, Türken, Harem! — Ähnliche Sicherungstendenz zeigt der zweite Traum, den ich in den „Träumen einer Prostituierten“ (Zeitschrift für Sexualwissenschaft, 1908, Heft 2) analysiert habe. Auch *Lenau* behandelt das gleiche Problem in der gleichen Weise in seiner „*Warnung im Traum*“:

> „Nun ist kein Haus zu schauen mehr;  
> Mit arg betroffnen Blicken  
> Sieht er nur Gräber rings umher  
> Und ernste Kreuze nicken.  
> Da wend't sie sich im Mondenlicht,  
> Zu seiner Qualgenesung:  
> Mit grau verwischtem Angesicht  
> Umarmt ihn — die Verwesung.“ —

Von ausführlicheren Analysen sehe ich hier ab. Wo ein Patient Syphilidophobie zeigt, kann man sicher sein, dass dahinter die Furcht vor dem Weibe, respektive vor dem Manne, meist vor beiden zu finden sein wird.

[^1]: Bei der Perversion ist, wie ich in anderem Zusammenhange schon öfters ausgeführt habe, ein zweifacher psychischer Modus zu entdecken. 1. Die Perversion, in der Regel Masochismus, um durch eigene Unterwerfung den Partner zu *fesseln.* Also Pseudomasochismus. Oder 2. Perversion als äusserster Grad der Unterwerfung, um vom Partner loszukommen, sich zu erschrecken und vor andern Partnern zu fliehen, vor ehelicher Verbindung etc. Anschliessend daran, — zur Revanche — oft sadistische Äusserungen und Phantasien oder Ekel.

[^2]: Halluzinatorische Erregungen, die sich *der letzten Konsequenz* bemächtigen, *das Endresultat einer Infektion* unter der Form von Tabes, Paralyse, Kopfschmerz und Vergesslichkeit *vorwegnehmen,* konstituieren oft den hypochondrischen Zustand.

[^3]: Wiener Verlag 1904.

[^4]: Kampaspa, die Geliebte Alexander's, auf Aristoteles reitend.

[^5]: Hier liegt offenbar eine der Ursachen für die Überlegenheit des Mannes in der Kunst, dass das vielleicht weitreichendste Problem der Malerei und Bildhauerei *aus den psychischen Regungen des Mannes* stammt.

[^6]: Siehe die entsprechenden Auseinandersetzungen in *Gustave Kahn,* Das Weib in der Karikatur Frankreichs (H. Schmidt, Stuttgart), denen auch diese Verse entnommen sind.

[^7]: Ein Neurotiker zeigte ausgesprochene Abneigung gegen die Malerei. Er motivierte folgendermassen: „Die Malerei stellt alles, was nebeneinander gehört, *übereinander.*“

<!-- La nota 1 continúa al pie de la S. 402. Se respetan las grafías del impreso: «Steckel» (por Stekel), «Syphilophobie» junto a «Syphilidophobie», «Harnapparetes», el titulillo «Syphilodophobie» de la S. 403, el griego sin acentos «νεικος και φιλια» (Schopenhauer: νεῖκος καὶ φιλία) y «Frey's». Se corrigen errores del OCR según la imagen («hatin», «sieganz», «wor», «Lräumen», «Än»). -->

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*Fuente:* transcripción a partir del número completo del *Zentralblatt für Psychoanalyse* 1 (1910/11), H. 9, digitalizado en Internet Archive (PDF y OCR del portal), págs. 400-406 (págs. 26-32 del PDF), cotejada con las imágenes de las páginas. Reimpreso en *Geschlecht und Gesellschaft* 8 (1912/13), H. 2 (no cotejado). Ortografía original; el espaciado del original se da en cursiva. Los comentarios `S. n` marcan el comienzo de cada página impresa. Adler lo reimprimió en *Praxis und Theorie der Individualpsychologie*, München/Wiesbaden, J. F. Bergmann, 1920, cap. XI, S. 106-112; allí lleva la indicación (1911) (reimpresión no cotejada); véase la página del [libro](https://adler.school/archivo/adler/original/1920%20Praxis%20und%20Theorie%20der%20Individualpsychologie).
