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Title: Über männliche Einstellung bei weiblichen Neurotikern
Description: Zentralblatt für Psychoanalyse. Medizinische Monatsschrift für Seelenkunde 1 (1910/11), H. 4 (Januar 1911), S. 174-178 (Originalarbeiten, VI).
Author: Alfred Adler
URL: https://adler.school/archivo/adler/original/1911-01%20%C3%9Cber%20m%C3%A4nnliche%20Einstellung%20bei%20weiblichen%20Neurotikern
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<!-- S. 174 -->

VI.

# Über männliche Einstellung bei weiblichen Neurotikern.

Von Dr. Alfred Adler, Wien.

Ich habe in einer Reihe von Arbeiten über den Mechanismus der Neurose einen einheitlichen Befund beschrieben, der als Hauptmotor der neurotischen Erkrankung anzusehen ist: *der männliche Protest gegen weibliche oder weiblich scheinende Regungen und Empfindungen.* Der Ausgangspunkt der neurotischen Disposition ist eine *kindliche pathogene Situation,* in der sich die einfachste Gestaltung dieses Kräftespiels kundtut: einerseits die Unsicherheit der zukünftigen Geschlechtsrolle, andererseits verstärkte Tendenzen, mit den verfügbaren Mitteln eine männliche (herrschende, aktive, grausame) Rolle zu spielen.

Abgesehen von der Sicherheit, mit der sich ganz allgemein diese Abkehr von seinen weiblichen Linien und die Verstärkung der männlichen beim Neurotiker in Handlungen, Wünschen und Träumen nachweisen lässt, ist es auch sonst nicht verwunderlich, dass die Phase der Geschlechtsfindung <!-- S. 175 --> beim Kinde unter starken Erregungen verläuft. Viele Patienten berichten von sonderbaren Unklarheiten bis in die späteren Kinderjahre. Andere tragen so deutliche Charakterzüge des übertriebenen männlichen Protestes zeitlebens an sich, dass ihre Einfügung in das gesellschaftliche Niveau, sei es im Beruf, in der Familie, in der Liebe und Ehe daran scheitert. Alle aber, und bei den weiblichen Neurotikern fällt dieses Zeugnis nur deutlicher in die Augen, erklären mit Bestimmtheit, sie hätten sich immer darnach gesehnt und diesem Wunsche in verschiedener Weise Ausdruck verliehen: *ein voller Mann zu sein.* Nach meinen Befunden halte ich die Behauptung für vollauf begründet, dass, was sich in diesen Bemerkungen unserer Neurotiker ziemlich kraftlos ins Bewusstsein drängt, mit dem grössten Anteil seiner Kraft im Unbewussten die neurotischen Symptome, die Handlungen und Träume des Neurotikers erzwingt. Ich will im folgenden einige Bruchstücke aus gegenwärtigen und früheren Analysen vorlegen, die uns gestatten, wie von einer Warte aus die männliche Einstellung weiblicher Neurotiker zu überblicken.

I. Fall. — *Tendenz, durch Klugheit, List und Courage den Mangel der Männlichkeit zu ersetzen.*

Eine 24jährige Patientin, die an Kopfschmerz, Schlaflosigkeit und überaus heftigen Wutausbrüchen, vorwiegend gegen die Mutter gerichtet, litt, erzählt folgende Erlebnisse: Sie ging eines Abends nach Hause, als ihr eine Szene ins Auge fiel: Ein Mann beschimpfte eine Prostituierte, weil sie ihn angesprochen hatte. Andere Männer versuchten begütigend auf ihn einzuwirken. Da fühlte Patientin ein unwiderstehliches Begehren sich einzumengen und dem Aufgeregten das Törichte seines Tuns auseinanderzusetzen. Die Analyse ergab: *sie wollte wie ein Mann handeln,* sich über ihre weibliche Rolle, die ihr Zurückhaltung gebot, hinwegsetzen.

Am selben Tage begab es sich, dass sie einer Prüfung als Zuhörerin beiwohnte. Der Prüfende, ein gebildeter, witziger, aber im männlichen Protest handelnder Herr, machte sich über die Kandidatinnen weidlich lustig, liess auch des öfteren Bemerkungen von „Gänsen“ fallen. Unsere Patientin stand wütend auf, verliess den Prüfungssaal, und war den Rest des Tages von Gedanken eingenommen, wie sie bei der Prüfung den Herrn Professor hereinlegen wollte. Die Nacht verging schlaflos. Erst gegen Morgen schlief sie ein. Da träumte sie folgenden Traum:

„Ich war über und über in Schleier gehüllt. Da kam ein alter Mann und schalt dies als unnütz, man könne ja doch durch die Schleier durchsehen.“

Der alte Mann trägt die Züge eines bekannten Pathologen Deutschlands und ist, wie die Patientin hervorhebt, *eine ständige Traumfigur.* Nebenbei fallen ihr einige Personen ein, vor allem jener strenge, aber witzige Prüfer. Als gemeinsames Band hebt sie all dieser überragende Klugheit hervor. Der Ausdruck: „man könne ja doch durch die Schleier durchsehen“ stammt aus der Kur. —

„Über und über in Schleier gehüllt.“ — Sie denkt an den scheinbaren Gegensatz, an die Venus von Milo. Tags vorher hat sie von ihr gesprochen und sie als Kunstwerk gepriesen. Weitere Gedanken knüpften an die verdeckende Attitüde der mediceischen Göttin und an den Mangel von Gliedmassen der Venus von Milo an, wie leicht vorauszusehen war.

Ein dritter Gedankengang zog die Worte des Alten in Zweifel. Ob man nicht doch durch eine Anzahl von Schleiern — etwa wie bei Tänzerinnen — eine Blösse verhüllen könnte? —

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Ich brauche nicht auseinanderzusetzen, dass die Tendenz der Träumerin dahinging, ihr Geschlecht zu verhüllen. Die Haltung der Hand bei der mediceischen Venus, der Mangel an Gliedmassen bei der Venus von Milo sprechen deutlich genug den schon lange vorher aufgedeckten Wunsch meiner Patientin aus: ich bin ein Weib und will ein Mann sein.

Die beiden Tageserlebnisse, die Schlaflosigkeit, der Wunsch sich in der Strassenszene wie ein Mann zu benehmen, den strengen Professor unterzukriegen und mich durch Verschleierungen zu düpieren, stellen einen Teil des Kontinuums dar, dessen Inhalt die Neurose dieses Mädchens bildet. Leise klingt im Traum der Zweifel an, ob die Verwandlung gelingen wird. Reduziert man diesen Zweifel auf die kindliche pathogene Situation, so muss er dort einer primitiven Unsicherheit entsprechen, der Unsicherheit bezüglich der künftigen Geschlechtsrolle. An eine solche Phase knüpft späterhin die neurotische Charakterologie an, die sich zusammensetzt aus männlich scheinenden Zügen und Sicherungstendenzen, letztere aufgebaut gegen die Gefahr ins Weibliche zu geraten, nach unten zu kommen.

II. Fall. — *Erziehung durch eine neurotische Mutter. Furcht vor dem Gebären als Ursache von Erziehungsfehlern.*

Eine 38jährige Frau, die wegen häufiger Angstanfälle, anfallsweise auftretenden Herzklopfens, schmerzhaften Drucks auf der Brust und „Blinddarmschmerzen“ in Behandlung stand, zeigte eine *sonderbare Beziehung zu ihrem einzigen Kinde,* einem Mädchen von 10 Jahren. Sie überwachte sie auf Schritt und Tritt, war stets unzufrieden mit ihren Fortschritten und nörgelte unaufhörlich an dem etwas zurückgebliebenen, sonst aber gutwilligen Kind. Kein Tag verging ohne Aufregung, oft bildeten Schläge den Abschluss einer belanglosen Kontroverse zwischen Mutter und Kind, oder es wurde der Vater zum Richteramt berufen. Das Kind war allmählich in die unbewusste Trotzeinstellung geraten und obstruierte, wie dies dann immer geschieht, beim Essen, Anziehen, Schlafengehen, Waschen und Lernen[^1].

Die ersten Anfälle waren im 19. Lebensjahre aufgetreten, kurz nachdem sich die Patientin mit ihrem gegenwärtigen Gatten heimlich verlobt hatte. Die Verlobung währte 8 Jahre, erfuhr viele Anfechtungen von seiten der Familie und brachte eine Unzahl frustraner Erregungen mit sich. Bald <!-- S. 177 --> nach der Heirat verschwanden die Anfälle, um bald nach der Geburt des Kindes wieder aufzutauchen. In dieser Zeit war der Gatte zu Coitus interruptus übergegangen. Als ihn ein Arzt auf die Schädlichkeit desselben aufmerksam machte und die Anfälle der Frau darauf zurückführte, nahm er zu anderen Vorbeugungsmitteln seine Zuflucht. Der Erfolg war verblüffend, die Anfälle blieben eine Zeitlang aus. Plötzlich traten sie wieder ein, ohne dass das Sexualregime geändert worden wäre, und trotzten seit 3 Jahren jeder Therapie. Sexualbefriedigung kam regelmässig zustande.

Wenn es eine reine Aktualneurose, eine Angstneurose, gäbe, dies wäre — bis vor 3 Jahren — ihr Bild gewesen. In der Analyse ergab sich ihr psychischer Gehalt und ihre hysterische Struktur. Die männlichen Protestcharaktere traten deutlich hervor: Trotz, Überempfindlichkeit, Herrschsucht, Ehrgeiz, — während das Gefühl der Minderwertigkeit durch die Fiktion überaus starker libidinöser Strebungen rezent erhalten wurde. Diese libidinösen Strebungen bestanden seit dem 8. Lebensjahr, hielten stets die Furcht zu fallen und ein Kind zu bekommen, wach, und erfüllten die Patientin mit der Angst vor der weiblichen Rolle. Als sie ihren Mann kennen lernte, und während ihres langen Brautstandes schuf sie sich aus dieser Angst, indem sie sie unbewusst (halluzinatorisch) arrangierte, eine verlässliche Sicherung, zu der noch Brust- und Bauchschmerzen hinzukamen, um einen illegalen Verkehr unmöglich zu machen. Ihre unbewusste Phantasie spiegelte ihr ihr Bild als das eines leidenschaftlichen und gleichzeitig willensschwachen Mädchens vor, eines verworfenen, ihrem Sexualtrieb blind folgenden Geschöpfes, und gegen diese Fiktion einer lüsternen Weiblichkeit hatte sie sich stets mit Angst und mit der Neurose gewehrt. Dieser Kampf gegen die weiblichen Linien spielte sich im Unbewussten ab, gab aber seit früher Kindheit im Bewusstsein einen Niederschlag: *in dem bewussten Wunsche ein Mann zu sein.* — So oft die Situation nun gespannter wurde, — sei es, dass der ihr bedenklich scheinende Coitus interruptus die Gefahr einer Gravidität heraufbeschwor, sei es, dass ungünstige pekuniäre Verhältnisse, wie in den letzten 3 Jahren, sie *diese Gefahr höher werten liessen,* — reagierte sie mit ihren Anfällen gegen ihre weibliche Rolle und damit gegen ihren Mann. Nachts kamen Anfälle, die ihn im wohlverdienten Schlummer störten: sie sollten ihm vor Augen führen, wie unangenehm es wäre, in der Nacht durch Kindergeschrei geweckt zu werden. Auch konnte sie sich dem Manne jederzeit entziehen, oder durch einen Anfall von Atemnot an die drohende Perspektive einer Tuberkulose nach einer Schwangerschaft gemahnen. Sie konnte Gesellschaften meiden und ihren Mann ans Haus fesseln, soweit es ihr genehm war, und sie zwang den etwas schroffen Mann, sich ihr in vieler Beziehung unterzuordnen.

Als das bedeutungsvollste Ergebnis dieser Analyse aber will ich hervorheben, *wie ihr nörgelndes, quälendes Erziehungsverfahren ihrer unbewussten Tendenz diente.* Sie bewies durch ihre Hast, durch ihre fortwährende Unruhe und Vielgeschäftigkeit, dass ihr das *eine* Kind schon zu viel Mühe mache. Und ihre Umgebung hatte wohl den richtigen Eindruck, wenn es regelmässig hiess: „Gott sei Dank, dass du nur eines hast.“ Sie verfolgte das Kind auf Schritt und Tritt, besserte ununterbrochen aus, fiel aus einer Heftigkeit in die andere, verhütete sorgfältig, dass das Mädchen mit anderen Kindern zusammenkam und verhalf diesem aus der unbewussten Einstellung stammenden Gebaren zu einer *logischen Re-<!-- S. 178 -->präsentation:* das Mädchen soll nicht wie seine Mutter werden, soll nicht wie sie frühzeitig masturbieren!

Andere Mütter handeln oft in der gleichen Einstellung anders, doch mit der gleichen Tendenz: *sie kommen Tag und Nacht von dem Kinde nicht los.* Sie hätscheln es ununterbrochen, sind immer mit ihm beschäftigt und stören seine Nachtruhe nicht selten durch überflüssige Massnahmen. Unausgesetzt beobachten sie seine Nahrungsaufnahme, seine Exkrementalfunktion, wägen, messen und nehmen Temperaturen ab. Wird das Kind krank, so beginnt erst recht das Schädigungswerk der Mutter. „Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage.“ Bis das Kind sachte seine Kraft zu spüren beginnt und der Mutter die Zügel anlegt, bis es aus allen kleinen Beziehungen in der Kinderstube eine Unterwerfungsabsicht herausfühlt, gegen die es sich in dauerndem Trotz aufbäumt.

Die Träume dieser Patientin ergaben regelmässig einen Ausschnitt aus diesem Ensemble von psychischen Regungen und liessen die neurotische Dynamik, den psychischen Hermaphroditismus mit folgendem männlichen Protest klar hervortreten. Die Symbolik von „Unten und Oben“ kehrte recht häufig wieder. Einer dieser Träume lautete:

„Ich flüchte vor zwei Leoparden und klettere auf einen Kasten. Ich erwache mit Angst.“

Die Deutung ergab Gedankengänge bezüglich eines zweiten Kindes, vor denen sie nach oben, in die männliche Rolle flüchtet. Identisch damit ist ihr neurotisches Hauptsymptom, die Angst, die ihr als wichtigste Sicherung gegen die weibliche Aufgabe des Gebärens dient. —

[^1]: *Friedjung* hat in einer interessanten Statistik die Schicksale des „einzigen Kindes“ dargelegt und klagt dort in erster Linie psychische Gründe an: Verzärtelung, Ängstlichkeit etc. — Unser Fall, sowie ähnliche andere, kann diese Aufstellung sowohl unterstützen als erweitern. Er deckt die vielleicht bedeutsamste Ursache einer ruhelosen, ewig nörgelnden Erziehung auf, *die Furcht der Mutter vor einer nochmaligen Geburt.* Die übertriebene Sorgfalt bei Tag und Nacht soll dem Beweise dienen, „dass es schon mit *einem* Kinde nicht auszuhalten ist.“ Dazu kam, dass der Boden für die neurotische Entwicklung bei Mutter und Tochter durch mehrfache Organminderwertigkeit vorbereitet war. Beide waren im frühen Kindesalter recht schwächlich gewesen. Die Menses waren bei der Mutter erst im 18. Jahre eingetreten, die Geburt des Kindes war auffallend schwer durch Wehenschwäche und folgende Atonie (Genitalminderwertigkeit), und kurz nach der Entbindung trat ein langwieriger Spitzenkatarrh in Erscheinung (Respirationsminderwertigkeit). Ein Bruder litt an einem Kehlkopfpolypen, der Vater starb an Lungenentzündung. Die Tochter war an Scharlachnephritis mit Urämie (Nierenminderwertigkeit), später an Chorea (Gehirnminderwertigkeit) erkrankt und zeigte sich geistig zurückgeblieben. — Auch der Hausarzt riet von nochmaliger Schwangerschaft ab. *So spiegeln uns die Neurosen weiblicher Patienten in jedem Falle den Krampf wieder, der unsere Kultur erschüttert: den horror der Frau vor dem Weiblichen, ihre Kindheitsangst vor dem ihr bevorstehenden Geburtsakt.* —

<!-- Fin del artículo; sigue en la misma página la sección «Referate und Kritiken». Se respetan «mich durch Verschleierungen zu düpieren» (así en el impreso) y «Mangel von Gliedmassen». -->

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*Fuente:* transcripción a partir del número completo del *Zentralblatt für Psychoanalyse* 1 (1910/11), H. 4, digitalizado en Internet Archive (PDF y OCR del portal), págs. 174-178; el OCR se cotejó con las imágenes de las cinco páginas (págs. 40-44 del PDF). Ortografía original; el espaciado del original se da en cursiva. La nota a pie de la pág. 176 se da como `[^1]`. Los comentarios `S. n` marcan el comienzo de cada página impresa. Adler recogió el texto en *Praxis und Theorie der Individualpsychologie* (1920), cap. IX.
