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Title: Über den Selbstmord, insbesondere den Schüler-Selbstmord (Vorwort und Diskussionsbeitrag)
Description: In: Über den Selbstmord insbesondere den Schüler-Selbstmord. Diskussionen des Wiener psychoanalytischen Vereins, Heft 1. Wiesbaden: J. F. Bergmann, 1910. Vorwort S. 3-4 (gezeichnet «Für den Verein: Dr. Alfred Adler», Wien, 26. Juni 1910); Diskussionsbeitrag VII, S. 44-50.
Author: Alfred Adler
URL: https://adler.school/archivo/adler/original/1910%20%C3%9Cber%20den%20Selbstmord%2C%20insbesondere%20den%20Sch%C3%BCler-Selbstmord%20%28Vorwort%20und%20Diskussionsbeitrag%29
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<!-- Del cuaderno colectivo se transcriben solo los dos textos de Adler: el prólogo que firma en nombre de la Asociación y su intervención (n.º VII) en la discusión. Se omiten las demás contribuciones (I Unus multorum [D. E. Oppenheim], II y IX Freud, III, IV Friedjung, V Sadger, VI Stekel, VIII Molitor). -->

## Vorwort.

<!-- S. 3 -->

Die Herausgabe der „Wiener psychoanalytischen Diskussionen“ verfolgt in erster Linie den Zweck, psychologische Probleme, die für das öffentliche Wohl von Interesse sind, vor einem grösseren Kreis von Ärzten, Psychologen und Pädagogen von einem Standpunkte aus anzugreifen, wie er sich bei Befolgung der *psychoanalytischen Methode* ergibt. Über die Mängel einer derartigen Veröffentlichung gegenüber einer geschlossenen Darstellung ist sich der Verein als Herausgeber vollkommen bewusst. Sie bestehen vor allem darin, dass einmal Verschiedenheiten der Ergebnisse einträchtig nebeneinander stehen und gleichzeitig dem Leser geboten werden, dass ein andermal Einzelfragen des Themas nicht vollwertig betont erscheinen. Doch mag ersteres den verschiedenen Stand der psychoanalytischen Erfahrung kennzeichnen, letzteres im Wesen der Diskussion gelegen sein und auch durch nachträgliche Ausarbeitung des gesprochenen Wortes schwerlich verringert werden, — die Vorteile dieser Art von Publikationen sind so unverkennbar, dass sie den Entschluss des Vereines rechtfertigen können. Vor allem bleibt der unmittelbare Zusammenhang mit den Ergebnissen der Psychoanalyse gewahrt, da jeder Autor gezwungen ist, auf seine persönlichen Erfahrungen zurückzugreifen. Andererseits wirkt die Erwartung einer sofortigen Kritik anders als beim Bücherschreiben fördernd auf die strenge Selbstzucht der Gedanken. Wie weit dies den Mitarbeitern gelungen ist und ob die Unmittelbarkeit der rednerischen Wirkung sich wenigstens teilweise in einer Schrift widerspiegeln kann, soll der Leser entscheiden.

Seit 7 Jahren ungefähr tauscht ein Kreis von Ärzten und Psychologen in Wien, der sich die Pflege der Psychoanalyse zur Aufgabe gestellt hat, seine Erfahrungen in wöchentlichen Diskussionsabenden aus. Dieser Kreis war von den Arbeiten *Breuers* und *Freuds* ausgegangen, und ihm ist die Entwickelung der Methode und der Erfahrungen der Psychoanalyse in erster Linie zu danken. Seither hat die Psychoanalyse in allen Gegenden der Welt Pflanzstätten gefunden. Die Zahl der Mitarbeiter ist heute schon beträchtlich und rasch im Steigen begriffen. Und wir haben guten Grund zu hoffen, dass wir <!-- S. 4 --> trotz der krampfhaften Bemühungen vereinzelter Ketzerrichter in kurzer Zeit die kritischen Köpfe in unserem Lager sehen werden. In Fragen der Wissenschaft wollen wir nicht auf Glauben and Autorität hin angesehen oder geprüft werden, sondern wir verlangen redliche Kritik und Nachprüfung.

Die Neuheit unserer Wissenschaft gestattet folgende Anmerkungen über das Wesen der „psychoanalytischen Methode“. Zuerst von *Breuer* zum Zwecke der Behandlung nervöser Erkrankung angewandt, wurde sie in der Folge von *Freud* und seiner Schule ausgestaltet, und bietet gegenwärtig eine Handhabe, psychische Erscheinungen der Gesunden und Kranken in zweifacher Richtung aufzuklären und deren unbewussten Mechanismus bewusst zu machen: 1. *in genetischer Richtung, d. h. die Quellen eines psychischen Endgeschehens aufzudecken und die Entwickelungsphasen zu verfolgen,* 2. *in dynamischer Richtung, d. h. die Korrelation im Triebleben, sei es der Triebe untereinander, sei es der Triebe zu den Anspannungen der Aussenwelt, ferner die kompensatorische Ausgestaltung des Trieblebens und deren Störung im psychischen Überbau festzustellen. Der therapeutische Effekt besteht nun darin, dass unbewusste psychische Einstellungen des Individuums ins Bewusstsein gebracht werden, wo sie sich zum Teil als durch die Entwickelung überholt oder als übertrieben und korrigierbar erweisen.*

Die psychoanalytische Methode bedient sich der Einfälle und Mitteilungen des Patienten, um durch systematischen Abbau und Reduktion der psychischen Endphänomene die einfachste, allen Symptomen gemeinschaftliche krankmachende Situation zu konstruieren. Die Richtigkeit dieses Ergebnisses lässt sich jedesmal erweisen, da der vorausgesetzten pathogenen Situation des Kindesalters die wirkliche allmählich ganz erinnerte entspricht. Voraussetzung zur Handhabung dieser Methode sind: genaue Kenntnisse der kindlichen Psyche und ihrer Entwickelung, einbegriffen des Sexualtriebs, und die Kunst, persönlichen Gedankengängen den Einfluss auf die Untersuchung zu versagen, sich vielmehr vom Gedanken- und Gefühlsleben des Patienten leiten zu lassen. Das Übrige muss freilich Schulung und psychologisches Feingefühl leisten.

Ob dies und wie viel davon in dieser ersten Diskussion zu finden ist, mag der geneigte Leser entscheiden.

*Wien,* am 26. Juni 1910.

Für den Verein:
**Dr. Alfred Adler.**

## VII.

<!-- S. 44 -->

Dr. med. *Alfred Adler:*

Der Wert statistischer Erhebungen soll keineswegs geleugnet werden, solange sie darauf gerichtet sind, ein Bild zu entwerfen über die Häufung der Selbstmordfälle und über begleitende Umstände. Schlüsse zu ziehen, sei es über die psychische Individualität, sei es über die Motive des Selbstmordes, ist auf Basis der Statistik allein unmöglich. Man wird da leicht zu voreiligen Anschuldigungen von Institutionen oder von Personen kommen, solange die treibenden Motive in ihrem vollen Umfang unbekannt bleiben. Soziales Elend, Mängel von Schuleinrichtungen, Fehler der Pädagogik, zahlreiche andere schwache Punkte unserer Kultur können dabei zur Aufdeckung kommen.

Aber wird uns daraus etwa die *psychologische Situation* des Selbstmörders, *etwa die Dynamik klar,* die ihn aus dem Leben treibt? — Wenn wir wissen, dass die dichtest bevölkerten Gegenden die relativ grösste Zahl der Selbstmörder aufweist, dass gewisse Monate den höchsten Stand der Selbstmörderziffern zeigen, lernen wir daraus auch nur ein einziges zureichendes, was sage ich? — *erklärendes Motiv* kennen? Nein. Wir erfahren nur, dass der Selbstmord, wie jede andere Erscheinung auch, dem Gesetze der grossen Zahl folgt, dass er mit anderen sozialen Erscheinungen Verknüpfungen aufweist.

*Der Selbstmord kann nur individuell begriffen werden, wenngleich er soziale Voraussetzungen und solche Folgen hat.*

Dies erinnert an die Entwicklung der Neurosenlehre.

Und auch, dass man, solange nicht volle Klarheit über die psychologische Konstellation des Selbstmordes und über das Wesen der Motive herrscht, an ein Verständnis oder gar an eine grundlegende Heilung nicht denken kann.

Und selbst wenn sich auf sozialem Wege ein Mittel fände, vereinzelt Selbstmorde zu verhüten, wie es die Aktion der Heilsarmee in <!-- S. 45 --> London versucht, indem sie Aufrufe erlässt, die Selbstmordkandidaten zu sich ladet, um ihnen Trost und Hilfe zu spenden, selbst wenn es gelänge, praktisch die Zahl der Selbstmorde, sei es durch Vertiefung der Religiosität, durch verbesserte Pädagogik, durch soziale Reformen und Hilfeleistungen einzuschränken, so bliebe es dennoch ein verdienstliches Werk, den psychischen Mechanismus, die geistige Dynamik des Selbstmordproblems klarer gestellt zu haben. Einerseits wegen der Möglichkeit einer individuellen, weiterhin durch das Mittel der Pädagogik und der sozialen Reform allgemeinen Prophylaxe. Andererseits, weil offenbar das psychische Gefüge des Selbstmörders im Zusammenhang steht mit psychischen Zustandsformen und psychischen Einstellungen anderer Art, vor allem solchen der nervösen und psychischen Erkrankungen. Sodass im Falle des Gelingens einer derartigen Zusammenhangsbetrachtung Ergebnisse des einen Problems zu Nutzen des anderen verwertet werden könnten.

Dieser Versuch der Zusammenhangsbetrachtung wird wesentlich unterstützt durch die Volksmeinung, die jedesmal geneigt ist, dem Selbstmörder den Milderungsgrund der Unzurechnungsfähigkeit zuzubilligen. Aber auch durch Ergebnisse aus der Psychiatrie, den Zusammenhang von Geisteskrankheit und Selbstmord betreffend.

Aus welchem Material kann ein Nervenarzt, der sich der psychoanalytischen Methode bedient, Erkenntnisse sammeln, um die Frage des Selbstmordes zu lösen?

Der gelungene Selbstmord vereitelt ja eine direkte Einsicht, etwa durch Befragen oder Reaktionsprüfung. Bleiben in diesem Falle nur Aufzeichnungen und Auskünfte der Umgebung, die mit Vorsicht aufzunehmen sind und höchstens Bedeutung erlangen können, wenn sie mit grundlegenden psychologischen Ergebnissen übereinstimmen. Insbesondere was Ansichten der Umgebung anlangt, ist die Tatsache festzuhalten, dass sich die *unglaublich empfindliche Natur* des Selbstmörders stets verkleidet und in Geheimnis hüllt.

Bleiben also nur die Fälle von misslungenem Selbstmord und die überaus häufigen unausgeführten Selbstmordregungen, die einer Erforschung durch die psychoanalytische Methode zugänglich sind. Freilich kompliziert sich dabei das Problem, weil diese Fälle gewöhnlich den Kompromisscharakter tragen, so dass sie im Zweifel stecken bleiben oder ungeeignete Mittel wählen und, während sie den Tod suchen, gleichzeitig auf Rettung bedacht sind.

*Immerhin ist dies der einzige Weg,* um Sicherheit darüber zu erlangen, *welcher Art die Menschen sind, die den Tod suchen und welche Motive sie dabei bewegen.* Da kann ich nun mit Bestimmtheit sagen, der Entschluss zum Selbstmord tritt unter den gleichen Bedingungen ein, unter denen sich der Ausbruch einer <!-- S. 46 --> nervösen Erkrankung (Neurasthenie, Angst- und Zwangsneurose, Hysterie, Paranoia) oder ein nervöser Einzelanfall vollzieht. Ich habe diese „*neurotische Dynamik*“ in einigen Arbeiten, „Über neurotische Disposition“[^1] und „Psychischer Hermaphroditismus im Leben und in der Neurose“[^2] beschrieben, die als Fortsetzungen meiner „*Studie über Minderwertigkeit von Organen* (*Urban* und *Schwarzenberg,* Wien 1907) anzusehen sind. Die leitenden Gedanken dieser Arbeiten sind folgende:

*Jedes Kind wächst unter Verhältnissen auf, die es zu einer Doppelrolle zwingen,* ohne dass es diesen Sachverhalt mit seinem Bewusstsein erfasst. Wohl aber mit seinem Gefühl. Einerseits klein, schwach, unselbständig, entwickelt es Wünsche nach Anlehnung, Zärtlichkeit, Hilfe und Unterstützung. Und bald fügt es sich dem Zwange, der den Schwachen zum Gehorsam, zur Unterwerfung verpflichtet, wenn er Trieb-Befriedigungen und die Liebe seiner Pflegepersonen erlangen will. Alle Züge des erwachsenen Menschen von Unterwürfigkeit, Demut, Religiosität, Autoritätsglauben (Suggestibilität, Hypnotisierbarkeit und Masochismus beim Nervösen) stammen aus diesem ursprünglichen Gefühl der Schwäche und stellen psychische Zustandsbilder dar, denen offensichtlich bereits geringe Spuren von Aggression anhaften, Versuche etwas von Liebe und Triebbefriedigungen aus der Umwelt für sich zu gewinnen.

Zur gleichen Zeit, insbesondere aber deutlich im Laufe der Entwicklung tauchen *Züge des Eigenwillens* auf, *ein Hang zur Selbständigkeit, Grossmannssucht, Trotz* machen sich mehr und mehr geltend und *treten in Kontrast zu den anderen Zügen des Gehorsams.* Ja, man merkt bald, dass diese Kontraststellung, offenbar unter dem Druck der Aussenwelt, bei Entfaltung des kindlichen Ehrgeizes, gross zu werden und seinen Trieben Befriedigung zu gewähren (Esstrieb, Schautrieb z. B.), sich stetig steigert. *Die Quelle dieser Kontraststellung der Charakterzüge liegt in dem innern Widerspruch zwischen Unterwerfung und der Tendenz zur Triebbefriedigung.* Das Kind merkt sehr bald, dass in seiner kleinen Welt vorzugsweise die Kraft gilt, und findet dafür in der grossen Welt reichliche Bestätigung. Und so behält es von den Zügen des Gehorsams nur diejenigen bei, die ihm Nutzen bringen, sei es einen Gewinn an Liebe, an Lob, Verzärtelung oder Belohnung. Leider führt gerade diese Art von Lebensbeziehung des Kindes leicht auf *Abwege,* und kann aus dem Unbewussten heraus <!-- S. 47 --> *in tendenziöser Weise* Situationen schaffen, in welchen der späterhin Erwachsene geradezu *auf die Hilfe anderer* angewiesen ist. Solche Kinder werden in jeder Art Kränklichkeit, Ungeschicklichkeit, Ängstlichkeit, Schwachheit, im Leben, in der Schule, in der Gesellschaft ihre Beziehungen so einrichten, dass man sich ihrer annimmt, Mitleid zeigt, dass man ihnen hilft, sie nicht allein lässt u. s. w. — Gelingt ihnen dies Vorhaben nicht, so fühlen sie sich beleidigt, zurückgesetzt, verfolgt. *Eine ungeheure Überempfindlichkeit wacht darüber, dass nicht die eigene Schwäche entlarvt werde.* Immer ist es ein Schicksal, Pech, die schlechte Erziehung, die Eltern, die Welt, die Schuld an ihrem Unglück tragen, und in dieser Absicht steigern sie ihre Wehleidigkeit zur Hypochondrie, Weltschmerz und Neurose. Und noch mehr! Ihre Sehnsucht nach Mitleid, nach Bevorzugung kann so intensiv werden, dass sie die Krankheit als Mittel schätzen lernen, einerseits um das Interesse der Umgebung auf sich zu lenken, andererseits als Vorwand, *um jeder Entscheidung auszuweichen. Diese Furcht vor jeder Entscheidung (die Prüfungsangst des Nervösen), die ihn nichts zu Ende bringen lässt, ihn gleichzeitig aber mit höchster Ungeduld und Hast erfüllt, die ihm das Warten* (auf die Entscheidung, auf den Erfolg) *zur grössten Qual macht, wird nur erklärlich, wenn man die ungeheuren Grössenideen des Unbewussten kennt und das Gefühl von deren Unerfüllbarkeit bei ausgesprochen nervösen Personen.*

Diese intrapsychische Spannung, der dialektische Umschlag aus dem Schwächegefühl des Kindes in Grossmannssucht, wird begleitet, aber auch behütet durch dauernde Affektlagen der Ängstlichkeit, der Unsicherheit, des Zweifels an den eigenen Fähigkeiten. Und dies um so mehr, je grösser die dynamische Wirkung des Kontrastes, je hypertrophischer die Züge des Ehrgeizes und der Eitelkeit sich ausgestalten.

Die psychoanalytische Methode ermöglicht es, durch Reduzierung dieser psychischen Überspannung auf die Anfänge in der Kindheit die Ursachen anzugeben, für deren Bedeutung, ausserordentliche Kraft und Haltbarkeit. Ich konnte in allen Fällen, *bei Nervösen, ausserordentlich befähigten Menschen und in den einer Untersuchung zugänglichen Selbstmördern* den Nachweis erbringen, *dass sie in den Anfängen der Kindheit ein besonders vertieftes Gefühl der Minderwertigkeit besassen.* Als Ausgangspunkt dieses Gefühls habe ich schon vor Jahren eine *angeborene Minderwertigkeit von Organen und Organsystemen angeschuldigt,* welchen zufolge das Kind beim Eintritt ins Leben durch Kränklichkeit, Schwäche, Plumpheit, Hässlichkeit und Deformität, <!-- S. 48 --> sowie durch Kinderfehler (Bettnässen, Stuhlschwierigkeiten, Sprachfehler, Stottern, Augen- und Gehöranomalien) ins Hintertreffen gerät.[^3]

Der von diesem Gefühl der Minderwertigkeit ausgehende *stürmische Versuch zur Überkompensation,* gleichbedeutend mit Überwindung des Fehlerhaften durch angestrengtes Training des Gehirns, gelingt recht häufig, nicht aber ohne dauernd Spuren dieses Zusammenhangs und der Mehrleistung in der Psyche zu hinterlassen. Der ehemalige Bettnässer wird zum Reinlichkeitsfexen und Blasenathleten, das Kind mit unwillkürlichen Stuhlabgängen zum Hyperaestheten, die ursprüngliche Schwäche und Empfindlichkeit der Augen prädestiniert zuweilen zum Maler und Dichter und der Stotterer Demosthenes wird zum grössten Redner Griechenlands.[^4] Dabei begleitet sie alle auf ihrem Lebenswege eine unbezähmbare Gier nach Erfolg und ihre dauernde Überempfindlichkeit sucht ihnen die Kulturhöhe zu sichern. Rachsucht, Pedanterie, Geiz und Neid begleiten diese Entwicklung, ebenso auch Züge von ausgesuchter Mannhaftigkeit, sogar Grausamkeit und Sadismus.

Nur eine Relation noch kann diese Spannung verstärken, und sie ist es gerade, die den pathologischen Gestaltungen dieser ins Gegensätzliche umschlagenden Dynamik ihre höchste Weihe gibt. Sie geht aus dem häufig anzutreffenden *psychischen Hermaphroditismus* hervor. Die Doppelrolle verleitet viele der Kinder, eine naheliegende *Analogie mittelst einer falschen, aber aus Tatsachen geschöpften Wertung* herzustellen, eine Analogie, der seit altersher ein grosser Teil der Menschheit unterlegen ist, und die eine ganze Anzahl der feinsten Köpfe, — ich nenne nur *Schopenhauer, Nietzsche, Moebius, Weininger* — mit geistreichen Sophismen zu stützen gesucht haben: ich meine *die Gleichstellung von Zügen der Unterwerfung mit Weiblichkeit, der Bewältigung mit Männlichkeit.* Dem Kinde wird diese Wertung recht häufig aus den Familienbeziehungen und aus der Umgebung aufgezwungen. Es kommt dann bald so weit, dass jede Form von Aggression und Aktivität als männlich, Passivität als weiblich empfunden wird. Dann geht das Streben des Kindes dahin, aus Gehorsam zu Trotz, aus der Folgsamkeit heraus zu Bösartigkeit, kurz aus den normalen Bahnen der kindlichen Fügsamkeit und Weichheit zu aufgepeitschten Bestrebungen der Grossmannssucht, der Starrköpfigkeit, des Hasses, der Rachsucht zu gelangen. Kurz, in den geeigneten Fällen (bei starkem Gefühl <!-- S. 49 --> der Minderwertigkeit) setzt ein toller männlicher Protest ein, bei Knaben wie bei Mädchen. Selbst die körperlichen Schwächen und Fehler des Kindes werden dann nicht verschmäht, wenn sie als Waffen dienen können, um sich etwa durch Kränklichkeit, Kopfschmerzen, Bettnässen etc. das dauernde Interesse und eine gewisse Herrschaft über die Umgebung zu sichern. *So wird aus dem Unbewussten heraus eine Situation geschaffen, in der die Krankheit, ja selbst der eigene Tod gewünscht wird, teils um den Angehörigen Schmerzen zu bereiten, teils um ihnen die Erkenntnis abzuringen, was sie an dem stets Zurückgesetzten verloren haben.* Nach meiner Erfahrung stellt diese Konstellation die regelmäßige psychische Grundlage dar, die zu Selbstmord und Selbstmordversuchen Anlass gibt. Nur dass *in späteren Jahren meist nicht mehr die Eltern, sondern ein Lehrer, eine geliebte Person, die Gesellschaft, die Welt als Objekt dieses Racheaktes gewählt wird.*

Kurz anführen muss ich noch, dass eine der wichtigsten Triebfedern zu diesem männlichen Protest die häufig anzutreffende Unsicherheit des Kindes über seine gegenwärtige oder zukünftige Geschlechtsrolle ist. Aus dieser Unsicherheit heraus, die das double vie, die Bewusstseinsspaltung, den Zweifel und die Unentschlossenheit der Nervösen vorbereitet, drängt es Mädchen und Knaben mit ungeheurer Wucht zum männlichen Protest in jeder Form. *Aus diesem heftigen Streben stammen alle Formen der Frühsexualität und des Autoerotismus, die Masturbation wird zur Zwangserscheinung, und ein unablässiges Streben nach „männlich“ scheinender Betätigung der Sexualität (unter anderem Don Juan, Messalina,* Perversionen, *Incest, Notzucht* etc.) verankert sich als prägnantes Symbol des männlichen Protestes. Die Liebe selbst artet aus in eine unstillbare Gier nach Triumph, die Befriedigung des Sexualtriebes findet eine sekundäre Verwendung zum Zweck des Beweises der Männlichkeit oder auf einer psychischen Nebenlinie *— wie im Falle der Masturbation — zum Zweck der Selbstbeschädigung im Sinne eines Racheaktes. Damit aber wird ein weiteres Vorbild geschaffen für eine etwaige spätere Selbstmord-Konstellation,* die Wollust des Selbstmordes tritt an die Stelle der Masturbationslust.[^5]

<!-- S. 50 -->

Die Selbstmordidee taucht unter den gleichen Konstellationen auf wie die Neurose, der neurotische Anfall oder die Psychose. Selbstmord und Psychose wie die Neurose sind Ergebnisse der gleichen psychischen Konstellation, die durch eine Enttäuschung oder Herabsetzung bei Disponierten eingeleitet wird und die das alte Gefühl der Minderwertigkeit aus der Kindheit wieder zum Aufflammen bringt. *Selbstmord wie Neurose sind Versuche einer überspannten Psyche sich der Erkenntnis dieses Minderwertigkeitsgefühls zu entziehen und treten deshalb zuweilen vergesellschaftet auf.* In andern Fällen wirkt ein konstitutionelles Moment (die Stärke des Aggressionstriebes) oder Beispiele richtunggebend. Der „Heredität“ kann in gleicher Weise vorgebeugt werden, wie den Manifestationen selbst, und zwar durch die psychoanalytische Methode. Sie deckt das kindliche Gefühl der Minderwertigkeit auf, führt es von seiner Überschätzung auf das wahre Maß zurück, indem sie falsche Wertungen korrigiert, und stellt die Revolte des männlichen Protestes unter die Leitung des erweiterten Bewusstseins. *Selbstmord wie Neurose sind kindliche Formen der Reaktion auf kindliche Überschätzung von Motiven, Herabsetzungen und Enttäuschungen. Und so stellt der Selbstmord — ganz wie die Neurose und Psychose —, eine Sicherung vor, um in unkultureller Weise dem Kampf des Lebens mit seinen Beeinträchtigungen zu entgehen.*

[^1]: S. Jahrb. f. psychoanalytische und psychopathologische Fortsetzungen 1909, *Deuticke,* Berlin, Wien.

[^2]: S. Fortschritte der Medizin, 1910, Heft 16, *Thieme,* Leipzig.

[^3]: Neuerlich hat *Bartel* (Wien), einen Spezialfall dieser Organminderwertigkeit, die *lymphatische Konstitution* in Zusammenhang mit Selbstmord gebracht. In der weiten Fassung, die ihr dieser Autor gegeben hat, wird sie sich, ebenso wie die von mir hervorgehobene Organminderwertigkeit auch als Grundlage von Neurosen entpuppen. Der Schlüssel zum Verständnis des Zusammenhangs liegt in beiden Fällen in dem kindlichen Gefühl der Minderwertigkeit.

[^4]: S. auch J. *Reich,* Kunst und Auge, Österreichische Wochenschrift 1908.

[^5]: Auffallend häufig findet sich jugendlicher Selbstmord als Abschluss eines vergeblichen Ringens gegen den Masturbationszwang, der in scheinbar überzeugender Weise dem Patienten das Gefühl seiner Ohnmacht dartut. In ähnlicher Art verstärkt beim weiblichen Geschlechte die Beschwerde der Periode das „herabsetzende Gefühl der Weiblichkeit.“ Bekanntlich steigern sich um diese Zeit sowohl die nervösen Beschwerden als auch die Selbstmordfälle, eine deutliche Bestätigung der obigen Ausführungen.

<!-- Se respetan las erratas del impreso: «Glauben and Autorität», «aufweist» (por «aufweisen»), la comilla de cierre que falta tras «Studie über Minderwertigkeit von Organen», «Fortsetzungen» (por «Forschungen») en la nota 1. Se añade el punto que falta tras «betreffend». Los ladillos «Vorwort.» y «VII.» son del impreso. -->

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*Fuente:* transcripción a partir del ejemplar de la Bayerische Staatsbibliothek digitalizado por el Münchener DigitalisierungsZentrum (MDZ, bsb00067643): *Über den Selbstmord insbesondere den Schüler-Selbstmord*, Wiesbaden, J. F. Bergmann, 1910 (Diskussionen des Wiener psychoanalytischen Vereins, Heft 1), págs. 3-4 y 44-50 (págs. 9-10 y 50-56 del PDF). El OCR del portal se cotejó línea a línea con las imágenes de las páginas. Ortografía original de 1910; el espaciado del original se da en cursiva. La intervención se reimprimió en *Heilen und Bilden* (1914), págs. 356-362 («Drei Beiträge zum Problem des Schülerselbstmords», II). Los comentarios `S. n` marcan el comienzo de cada página impresa.
