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Title: Über neurotische Disposition. Zugleich ein Beitrag zur Ätiologie und zur Frage der Neurosenwahl
Description: Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen 1 (1909), 2. Hälfte, S. 526-545.
Author: Alfred Adler
URL: https://adler.school/archivo/adler/original/1909%20%C3%9Cber%20neurotische%20Disposition
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<!-- S. 526 -->

# Über neurotische Disposition.

## Zugleich ein Beitrag zur Ätiologie und zur Frage der Neurosenwahl.

Von Dr. *Alfred Adler* (Wien).

Die psychoanalytische Methode hat uns befriedigende Aufklärungen über das Wesen der Neurosen, über den Aufbau ihrer Symptome und über die Mittel einer souveränen Therapie gebracht. Das scheinbar sinnlose Verhalten der Neurasthenie, der Degenerationspsychose, der Zwangsneurose, der Hysterie, der Paranoia erscheint verständlich und wohldeterminiert. Die Leistungen genialer Menschen, verbrecherische Handlungen, Schöpfungen der Volkspsyche sind der Psychoanalyse zugänglich und zeigen sich in ihrer psychischen Struktur vergleichbar mit dem Aufbaue der neurotischen Symptome. Diese Vergleichbarkeit der analytischen Ergebnisse und deren erstaunliche Identität geben dem Forscher eine solche Sicherheit auf dem nicht unschwierigen Gebiete der Neurosenlehre, daß er auch gegenüber starken Einwänden einer berufenen Kritik nicht aus dem Takte käme. Wieviel weniger gegenüber ungerechtfertigten Lamentationen oder unberufener Aburteilung!

Die starken Positionen in der Neurosenforschung, die von *Breuer, Freud und seinen Anhängern* geschaffen wurden, lassen sich deutlich auf die ontogenetische Betrachtungsweise zurückführen. Die psychoanalytische Schule betrachtet das Symptom sowie den neurotischen Charakter nicht bloß als Krankheitsphänomen, sondern vor allem als individuelles Entwicklungsprodukt und sucht sie aus den Erlebnissen und Phantasien des Individuums zu verstehen. Das rätselhafte Bild der Neurose und ihrer Erscheinungsformen fesselte wohl seit jeher die Aufmerksamkeit der Beobachter. Aber erst mit der Psychoanalyse <!-- S. 527 --> begann der ernste Schritt der *Rätsellösung,* der die individuellen Eindrücke und das Weltbild des Kranken in Rechnung zog, um daraus das Verständnis für das Rätselvolle zu gewinnen. So kam *Freud und seine Schule* zum Postulat einer *ätiologischen Therapie.* Die medikamentöse und physikalische Behandlung erwiesen sich als überflüssige Notbehelfe, ihre zuweilen günstigen Erfolge als Wirkungen psychischen Einflusses von meist geringer Dauer und Ergiebigkeit. Doch soll nicht außer acht bleiben, daß die Zeit, „die alle Wunden heilt“, unabhängig von Medikamenten und Kaltwasserkuren, zuweilen psychische Schäden auszugleichen vermag, ebenso wie das Leben manches wieder gut macht, was es an einer Person verbrochen hat. Zahlreiche Menschen weisen die Bedingungen der Neurose auf, ohne ihr zu verfallen, weil sie von rezenten Anlässen verschont bleiben und so, wenn auch oft mühsam, das psychische Gleichgewicht aufrechterhalten können.

Da liegt es nun nahe, den Vergleich mit der gesunden Psyche zu ziehen, um der Frage näher zu kommen: was macht einen Menschen neurotisch? Anfangs schien es, und scheint es wohl jedem, als ob besondere Erlebnisse oder Phantasien in den Kinderjahren den Anstoß zur Entwicklung der Krankheit gäben. Und tatsächlich hoben die ersten Untersucher auf dem Boden der Psychoanalyse, insbesondere *Freud* und *Breuer,* hervor, daß der *traumatische Einfluß eines sexuellen Erlebnisses* mit seinen direkten und indirekten Folgen, der Verdrängung und der Verschiebung, unter den Ursachen der Neurose die erste Rolle spielen. Die Erweiterung dieser Lehre ging dahin, die „*sexuelle Ätiologie*“ für alle Neurosen als ausschlaggebend hinzustellen und den Hinweis auf den allgemein-gültigen Einfluß der Sexualentwicklung auch für den Normalen mit dem Argumente zu entkräften, daß die „sexuelle Konstitution“, also eine biologische Nuance des Sexualtriebes, die letzte Wurzel der Neurose bilde, die sich im Zusammenhange mit sexuellen Kindheitseindrücken unter dem Einfluß einer abnormalen Verteilung der Libido und bei Eintritt einer auslösenden Konstellation einstellt.

Was die sexuellen und anderen Kindheitseindrücke anlangt, die durch die Psychoanalyse des Neurotikers zutage gefördert werden, sind sie in Grad und Umfang von denen der Normalen nicht sonderlich verschieden. Man findet einmal mehr, ein andermal weniger davon, immer aber ein Maß, das von den Gesunden auch erreicht wurde. Was nur solange im dunkeln bleiben konnte, solange nicht eine ausgiebige Kinderforschung und vor allem die analytische Schulung den Blick für diese <!-- S. 528 --> Geheimnisse geschärft hatte. Den wesentlichen Anteil aus diesem Entwicklungsstadium hat *Freud* in seiner „Analyse des kleinen Hans“[^1] mitgeteilt, nicht ohne auf den Einklang mit Erlebnissen des Normalen hinzuweisen. Ich möchte diese Einsichten durch folgende zwei Fälle aus meinen letzten Erfahrungen verstärken:

Ein 4½jähriger Knabe, körperlich und geistig tadellos entwickelt, dessen Gehaben durchaus keine auffallende Bevorzugung eines der Eltern erkennen läßt, wendet sich mit dem Wunsche an die Mutter, er möchte einmal im Bette des Vaters schlafen, der Vater könne ja im Kinderbett schlafen. Die Mutter, eine ausgezeichnete Beobachterin ihres Kindes, findet den Wunsch des Kindes auffallend und versucht dessen tieferen Sinn zu ergründen. „Das geht nicht“, sagt sie dem Knaben; „der Vater kommt immer spät und müde aus dem Bureau nach Hause. Da will er seine Ruhe und sein eigenes Bett haben. Aber ich werde dich in meinem Bette schlafen lassen, und will mich an deiner Stelle ins Kinderbett legen.“ Das Kind schüttelt den Kopf und erwidert: „Das will ich nicht. Aber wenn der Vater in seinem Bette schlafen muß, so kann ich ja bei dir in deinem Bett liegen.“

Ich brauche wohl kaum hinzuzufügen, daß die Betten des Ehepaares nebeneinander stehen. Was wir sonst aus diesem Falle noch entnehmen können, ist die Courage des Jungen, seine ruhige Energie, mit der er nach Befriedigung seines Zärtlichkeitsbedürfnisses[^2] strebt und der männliche Mut, mit dem er sich an die Stelle des Vaters zu setzen sucht. Ich erinnere hier an meine Arbeit über „Aggressionstrieb im Leben und in der Neurose“[^3], wo ich als den Mechanismus der Neurose die „*Aggressionshemmung*“ hingestellt habe. In unserem normalen Falle sehen wir kaum eine Spur einer Hemmung, sondern der Knabe versucht zielbewußt seinen Wunsch, bei der Mutter zu liegen, durchzusetzen, kommt auch leicht darüber hinweg, als sein Versuch fehlschlägt und wendet sich anderen Wünschen zu. Nebenbei ist er gut Freund mit dem Vater und hegt keinerlei Rachegedanken gegen ihn.

Und doch konnte die Mutter kurze Zeit hernach feststellen, daß der kleine Junge bereits an der Lösung des Sexualproblems arbeitete. Fritz begann nämlich mit jener unheimlichen Fragesucht zu quälen, die eine regelmäßige Erscheinung im vierten bis fünften Lebensjahre bildet; <!-- S. 529 --> *Freud* hat darauf hingewiesen und hervorgehoben, daß sich hinter diesen Fragen die Frage nach der eigenen Herkunft, nach der Herkunft der Kinder verberge. Ich unterwies die Eltern, und als der Junge abermals zu fragen begann, und vom Schreibtisch aufs Holz, dann auf den Baum, aufs Samenkorn und zuletzt auf das erste Samenkorn kam, erhielt er zur Antwort, man wisse wohl, daß er neugierig sei, woher die Kinder kämen. Er möge nur ruhig fragen, er werde alles erfahren. Das Kind verneinte wohl, seine Fragesucht war aber damit zu Ende. Also doch eine kleine Aggressionshemmung, wie sie wohl allgemein und erträglich sein dürfte. In der Tat blieb der Junge weiter mannhaft und couragiert, und seinem Benehmen haftete keinerlei *Empfindlichkeit, Nachträglichkeit oder Rachsucht* an.

Noch ein wichtiger Umstand ist in solchen Fällen deutlich zu erfassen. Man sieht das Kind bereits tief *im Banne der Kausalität.* Ein Kind, das Eltern, Großeltern vor sich sieht, das von Kindern hört, die zur Welt kommen, wird normalerweise auf die Kausalität stoßen, die zwischen ihnen besteht. Kommt nun der kindliche Ehrgeiz ins Spiel, dann führen Gedanken und Phantasien das Kind so weit, daß es selbst Vater werden will, — wie in unserem Falle. — Derartige konkrete Erfahrungen, dazu Erinnerungen gesunder und neurotischer Personen, lassen den sicheren Schluß zu, *daß jedes denkfähige Kind um das vierte Lebensjahr auf das Sexualproblem stößt.*

Außerdem geht aus unserem Falle hervor, daß wir es mit einem Knaben zu tun haben, der sich seiner männlichen Rolle im Gegensatze zur Frau bereits vollbewußt ist. Für ihn gibt es kein Schwanken und keinen Zweifel[^4]. Zärtlichkeitsregungen einem Manne gegenüber können bei solchen Individuen die Grenzen normaler Freundschaft nie überschreiten. Eine Entwicklung zur Homosexualität erscheint dadurch ausgeschlossen.

In einem zweiten Falle, den ich hier zur Mitteilung bringen will, können wir die Anfänge der neurotischen Entwicklung beobachten.

Ein siebenjähriges, blasses Mädchen mit schwach entwickelter Muskulatur leidet seit zwei Jahren an häufigen anfallsweise auftretenden <!-- S. 530 --> Kopfschmerzen, die sich ganz unvermutet einstellen, Stirne und Augengegend befallen, ins Vorder- und Hinterhaupt ausstrahlen und nach mehreren Stunden wieder verschwinden. Keine Magenstörungen, kein Augenflimmern. Eine organische Erkrankung ist nicht nachzuweisen. Sie soll *stets blaß und schwächlich gewesen* sein, ist nach Angabe der Mutter sehr klug und gilt als die beste Schülerin ihrer Klasse. Medikamentöse und hydropathische Kuren blieben erfolglos.

Ich bin zur Überzeugung gelangt, daß die neurotische Psyche sich am leichtesten durch ihre psychische *Überempfindlichkeit* verrät. Die Klinik der Neurosen rechnet wohl schon lange mit dieser Erscheinung, ohne, wie mir scheint, ihre psychologische Dignität gehörig zu würdigen oder ihre individuelle Bedingtheit zu ergründen und zu beseitigen. Ich kann eigentlich nur zwei Autoren nennen, die von der ungeheuren Tragweite dieser Erscheinung sprechen. Der Historiker *Lamprecht* hat für die Völkerpsychologie die Bedeutung dieser „*Reizsamkeit*“ festgestellt. Und *Bleuler*[^5] stellt die „*Affektivität*“ in den Mittelpunkt der Neurosen, insbesondere der Paranoia.

In der Regel findet sich diese Überempfindlichkeit bei allen Neurotikern in gleicher Weise deutlich vor. Meist gibt der Patient selbst auf Befragen zu, daß er sich sehr leicht durch ein Wort, durch eine Miene verletzt fühlt. Oder er leugnet es, seine Angehörigen haben es aber längst empfunden, haben gewöhnlich auch schon angestrengte Versuche gemacht, diese Empfindlichkeit nicht zu reizen. Zuweilen muß man sie dem Kranken nachweisen und zeigen. Daß man diese Empfindlichkeit auch bei gesund gebliebenen Personen findet, kann weiter nichts beweisen, wenn man sich an die zahlreichen Grenzfälle der Neurose erinnert.

Die Äußerungen dieser Überempfindlichkeit sind interessant genug. Sie erfolgen präzise, sobald es sich um eine Situation handelt, in der sich der Patient vernachlässigt, verletzt, klein oder beschmutzt vorkommt, wobei es ihm recht häufig zustößt, daß er auf Nebensächlichkeiten gestützt, eine derartige Situation willkürlich erfindet. Oft mit großem Scharfsinne sucht er seinem Standpunkte logische Repräsentation zu verleihen, die nur der geübte Psychotherapeut durchschaut. Oder der Patient nimmt eine Wahnidee — wie bei der Paranoia, aber auch bei anderen Neurosen zu Hilfe, um das Unerklärliche seines Benehmens zu begreifen. Dabei fällt immer die überraschende Häufung von Herabsetzungen <!-- S. 531 --> und Demütigungen auf, denen solche Patienten ausgesetzt sind, bis man entdeckt, daß sie sozusagen ihren Ohrfeigen nachlaufen[^6]. Diese Strömung stammt aus dem Unbewußten und führt meist vereint mit anderen Regungen den masochistischen Charakter der Neurose herbei, der uns den Patienten als Hypochonder, als Verletzten, Verfolgten, Herabgesetzten, nicht anerkannten Menschen zeigt, für den es nur Leid, Unglück, „Pech“ gibt. Der Mangel an Lebensfreude, die stete Erwartung von Unglücksfällen, Verspätungen, mißglückten Unternehmungen und Zurücksetzungen, schon in der Haltung und in den Gesichtszügen des Patienten erkennbar, die abergläubische Furcht vor Zahlen, Unglückstagen und der telepathische Hang, der immer Schlimmes vorausahnt, das Mißtrauen in die eigene Kraft, die den Zweifel an allem erst lebendig macht, das Mißtrauen in die anderen, das sozial zerstörend wirkt und jede Gemeinschaft sprengt, — so stellt sich zuweilen das Bild des überempfindlichen Patienten dar. Alle Grade der *Aggressionshemmung,* Schüchternheit, Zaghaftigkeit, Angst und Aufregungszustände bei neuen ungewohnten Situationen bis zu physischer und psychischer Lähmung können dem Bilde der Neurose eine besondere Färbung verleihen.

Wird so die Überempfindlichkeit zu einer „*Vorempfindlichkeit*“, so sehen wir anderseits Erscheinungen in der Neurose auftreten, die man als „*Nachempfindlichkeit*“ charakterisieren kann. *Solche Patienten können einen schmerzlichen Eindruck nicht* <!-- S. 532 --> *verwinden, und sind nicht imstande, ihre Psyche aus einer Unbefriedigung loszulösen.* Man hat den Eindruck von *eigensinnigen,* trotzigen Menschen, die es nicht vermögen, durch „kulturelle Aggression“ Ersatz zu schaffen, sondern starr und fest „auf ihrem Willen“ bestehen. Und dies in jeder Sache und über ihr ganzes Leben hinaus. Gerechtigkeitsfanatiker und Querulanten weisen immer diesen Zug auf. *Freud* hat diese Züge der „Nachträglichkeit“ und des „Trotzes“ in einer kleinen, aber wichtigen Abhandlung (Analcharakter und Analerotik, Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre, II. Teil) beschrieben, ihre Häufigkeit betont und ihren Ursprung auf die erogene Betonung der Afterzone zurückzuführen gesucht. Wir werden im folgenden sehen, wieweit ein Einverständnis mit unseren Beobachtungen zu erzielen ist, wollen einstweilen bloß hervorheben, daß diese angeführten Charaktere *allen Neurotikern gemeinsam sind und mit der „Überempfindlichkeit“ in innigstem Zusammenhange stehen.*

*Die Anfänge dieser Überempfindlichkeit* gehen auf organische Überempfindlichkeit zurück und lassen sich sehr weit in das kindliche Leben zurückverfolgen und differieren von der normalen Empfindlichkeit in verschiedenem Grade. Man findet erheblichere *Lichtscheu, Hyperästhesien* des Gehörs, der Haut, größere *Schmerzempfindlichkeit,* besondere *Erregbarkeit der Vasomotoren, erhöhtes Kitzelgefühl, muskuläre Erregbarkeit*[^7], Höhenschwindel bis in die früheste Kindheit zurück verfolgbar und kann sie stets auf eine *Organminderwertigkeit* beziehen. In meiner „*Studie über Minderwertigkeit der Organe*“ (Verlag Urban und Schwarzenberg, Berlin, Wien 1907) habe ich bereits die Beziehungen dieser Organminderwertigkeit zur Neurose aufgedeckt und habe nach vielfachen Untersuchungen noch festzustellen, daß die Überempfindlichkeit <!-- S. 533 --> eines Organes in den Kreis der Minderwertigkeitserscheinungen aufzunehmen ist. Ebenso die Unterempfindlichkeit, wie wir sie bei Idioten, Verbrechernaturen, bei Personen mit Moral insanity so häufig beobachten können, zuweilen auch bei den Neurosen, als Verlust oder Einschränkung des Schmerzgefühles, des Kitzelgefühles, der Tätigkeit der Hautvasomotoren, der Sensibilität und Reflexaktion. Die Herabsetzung der Empfindlichkeit zeigt uns — was aus der Betrachtungsweise der Organminderwertigkeitstheorie hervorgeht — den von den Vorfahren ererbten Defekt, *die Überempfindlichkeit aber deckt die Kompensationstendenz auf,* die aus den Kämpfen der Vorfahren um den Bestand eines geschädigten Organes erfließt. Immer finden sich nebenbei auch andere Organminderwertigkeitszeichen wie Degenerationszeichen, Schleimhaut- und Hautreflexanomalien, Kinderfehler und Erkrankungen des betreffenden Organs oder Organsystems, wenn auch häufig, wie schon beschrieben, am Stammbaume des Patienten verstreut. So kommt in die Grundlagen der psychoanalytischen Forschung ein phyllogenetisches Moment, das bis auf die organischen Wurzeln der Neurose und auf das Problem der Heredität zurückreicht. Die Überempfindlichkeit samt ihrem psychischen Substrat machen es aus, daß die aus den Organen stammenden Triebtendenzen ungesättigt bleiben und so den Aggressionstrieb in einen andauernden Reizzustand versetzen[^8]. Erhöhte Reizbarkeit, Jähzorn, Neid, Trotz, Ängstlichkeit bleiben nicht aus und erfüllen die Gedankenkreise des Kindes frühzeitig mit *einem inneren Widerspruch* gegen die ihm aufgezwungene Kultur, die nur bei geringer Widerstandsleistung des Kindes leicht haftet. Nun kann sich auch die einsichtsvollste Erziehung bis heute nur schwer von ihrem Grundprinzipe losmachen, welches nach dem Schema „*Schuld-Strafe*“ zu erziehen verpflichtet. Dies und der Lauf der Dinge, der so oft nach dem gleichen Schema gerichtet ist, erfüllt die Gedankenwelt vor allem jener Kinder, die frühzeitig in den inneren Widerspruch geraten, mit *einer Erwartung eines unheilvollen Ausganges ihrer verbotenen Wünsche und Handlungen.* Anderseits bringen es die Überempfindlichkeit sowie die verstärkte Triebintensität und -extensität mit sich, daß sich die gereizte Aggressionstendenz des Kindes gegen Personen richtet, die ihm die allernächsten, zuweilen auch die allerliebsten sind, gegen Vater, Mutter oder Geschwister. Ist es ein Knabe, so wird er in der Regel nach den väterlichen Prärogativen verlangen, ein <!-- S. 534 --> Mädchen, nach den mütterlichen. Findet sich das Kind in seiner Geschlechtsrolle nicht zurecht, so beginnt es zu schwanken, und der Zweifel beginnt seine frühesten Wurzeln zu schlagen. Zuweilen kann sich die feindliche Aggressionsneigung im Kinde entfalten, dann kommt es zu feindseligen Gedanken und Regungen gegen Personen der Familie. Gewöhnlich widerstreitet diesen ein Gefühl der Zärtlichkeit, der Liebe, der Dankbarkeit, die Aggression wird eingeschränkt, oder so weit abgeschwächt, daß ihr Ursprung nur psychoanalytisch zu finden ist, oder sich nur in Träumen auch der späteren Jahre verrät[^9].

Schon auf dieser Stufe der Entwicklung ergeben sich verschiedene psychische Zustandsbilder, deren Zahl noch namhaft vergrößert wird, wenn wir andere gleichzeitig oder nacheinander wirksame psychische Einschläge und Regungen in Betracht ziehen. So ist die teilweise Emanzipation des Kindes von seinem Stuhl- und Harntrieb vor sich gegangen, und diese Emanzipation hat ihm im Zusammenhange mit der Entwicklung des Schau- und Riechtriebes *eine dauernde Reaktion gegen Schmutz* und schlechte Gerüche hinterlassen. Ich muß auch bei diesem Punkte darauf hinweisen, wie sehr dieses Resultat *von der Wertigkeit und Empfindlichkeit des Auges, der Nase, der Haut abhängig ist,* so daß die Entscheidung gleichfalls von der Organminderwertigkeit abhängig wird. Haben nun schon das Organ und sein Trieb, sowie alle ihre differenzierten Fähigkeiten, wie Empfindlichkeit usw. auf der primitivsten Stufe ihren psychischen Ausdruck und Charakter, so fallen die Erscheinungen der Hemmungen, der Reaktion ganz ins Gebiet der psychischen Phänomene und präsentieren sich als Furcht, Idiosynkrasie, Ekel, Scham. Die ganz psychisch gewordene Überempfindlichkeit erfaßt *je nach der Individualität, d. h. je nach der Beeinflussung der Psyche durch das minderwertige Organ,* alle Beziehungsmöglichkeiten, die ihr widerstreiten und sucht sie aus dem Erleben auszuschalten[^10]. Aus diesen Affektlagen, die, mit <!-- S. 535 --> Überempfindlichkeit und starker Reaktionsmöglichkeit ausgestaltet, sozusagen den wunden Punkt der Psyche darstellen, entspringt bald eine passive, bald eine aktive Konstellation, überwiegt bald das Ausweichen vor Verletzungen der Empfindlichkeit, bald das aggressive Vorbauen oder Vorschauen.

*Die Stärke des ursprünglich vorhandenen Aggressionstriebes sowie der Aggressionsfähigkeit ist offenbar vererbt und als Ausdruck der Kompensationstendenz zu betrachten.* Physiologisch betrachtet, handelt es sich um die Leistungsfähigkeit der kortiko-muskulären Bahn, und eines der Zeichen ihrer angeborenen Minderwertigkeit wird sich als „körperliche Schwäche“, d. h. in erster Linie als *muskuläre Insuffizienz* darstellen. In der Tat ist es ein nahezu regelmäßiger Bericht der Frühanamnese neurotischer Patienten, daß sie schwächliche Kinder waren. Oder aber man erfährt, daß die Patienten als Kinder auffallend „*linkisch*“ *und ungeschickt* waren und sich dadurch viele Blamagen und Strafen zugezogen haben. Ich muß an dieser Stelle darauf verweisen, daß auch manche der „Kinderfehler“, wie Enuresis, Stuhlinkontinenz, Stammeln, Stottern, Sprachfehler usw., die ich als Zeichen der Organminderwertigkeit hingestellt habe, neben der Tatsache der primären Überempfindlichkeit diesen Eindruck der Ungeschicklichkeit hervortreten lassen, so daß auch die Ungeschicklichkeit als ein Beweisstück des Kampfes angesehen werden muß, den gewisse Organsysteme bei ihrer Domestikation, bei ihrer Einfügung in das Kulturmilieu zu führen haben.

Spuren dieser Ungeschicklichkeit kann man ebenso wie Reste des Kinderfehlers im Leben des erwachsenen Neurotikers oft nachweisen[^11]. Häufig bleibt eine psychische Unbeholfenheit zurück, die mit der häufig hervorragenden geistigen Schärfe lebhaft kontrastiert und den Schein geistiger Minderwertigkeit hervorrufen kann. Zumeist aber resultiert ein Zustand der *Ratlosigkeit, Schüchternheit, Zaghaftigkeit,* <!-- S. 536 --> der weit vor Beginn der Neurose einsetzt. Die Entwicklung des Selbstvertrauens, der Selbständigkeit bleibt mangelhaft, das Anlehnungs- und Zärtlichkeitsbedürfnis steigert sich ins Unermeßliche, so daß den Wünschen des Kindes unmöglich Genüge geleistet werden kann. So kommt es, daß die von Haus aus vorhandene, stärkere Empfindlichkeit ungemein gesteigert wird und zu einer Überempfindlichkeit anwächst, die fortwährend zu Verwicklungen und Konflikten Anlaß gibt. Anfänglich besteht ein Gefühl des Zurückgesetztseins, der Vernachlässigung, „man ist ein Stiefkind, ein Aschenbrödel“, daran knüpfen Gedanken und Phantasien an, die sich wieder im Leben des Kindes äußern, als Entfremdung, Hang zum Mißtrauen und als der brennende Ehrgeiz, es den anderen zuvorzutun, besser zu sein wie diese, schöner, stärker, größer und klüger. Daß diese ununterbrochen andauernden Wünsche einen mächtigen psychischen Antrieb bilden, und daß sie in der Tat vielen von diesen Kindern zur Überwertigkeit verhelfen, ist keine Frage. Oft aber tritt aus dieser Konstellation vorwiegend die Kehrseite an die Oberfläche, die wirklich geeignet ist, dieses Menschenmaterial unbeliebt zu machen, so daß sie mit ihren Befürchtungen der Herabsetzung, der Mißgunst, der allgemeinen menschlichen Schlechtigkeit und Gehässigkeit zum Schlusse scheinbar recht behalten. Damit nun hängt es zusammen, daß sich *gewisse Charaktere immens verstärken,* daß wir Regungen des Hasses, des Neides, des Geizes vorfinden, die sonst in der Kinderseele nicht diese große Rolle spielen, und daß wir in der fertigen Neurose diese Stimmungslagen durch die Psychoanalyse nachweisen können. Aus der Weiterentwicklung dieser Regungen, die in der verwegensten Weise die Gedankenwelt und die Phantasie des Kindes befruchten, sowie der psychischen Überempfindlichkeit, mittels deren das Kind Blamage und Strafe nicht nur härter empfindet wie andere, sondern auch — zuweilen grundlos — vorausahnt, ergibt sich von selbst ein fortwährender innerer Konflikt in der kindlichen Psyche, der der Umgebung nur selten bekannt wird. Denn das Kind lernt sich verstellen und schweigt — eben aus Überempfindlichkeit, aus Furcht vor Strafe oder Herabsetzung.

Dieses Schweigen aber, das *Geheimnis des Kindes,* verrät uns, daß in ihm Bewußtseinsregungen wirksam geworden sind, die es nicht merken lassen will. Und es ist die Vorstellung gerechtfertigt, daß das Kind vor anderen schweigt, *aber auch seinen eigenen Gedanken über bestimmte Wünsche, über gewisse Triebregungen auszuweichen sucht, weil es sich durch dieselben* <!-- S. 537 --> *beschmutzt, herabgesetzt, lächerlich gemacht fühlt, oder — und dies ist bereits ein Erfolg seiner Vorempfindlichkeit —* weil es solche unangenehme Folgen erwartet und befürchtet. Während sich einerseits eine Weltanschauung des Kindes Bahn bricht, die oft nur in Spuren rekonstruierbar oder zu erkennen ist, aus der eine Erwartung entspringt, wie: „man wird mich strafen“, — „man wird mich auslachen“, identisch mit einer tief gefühlten Überzeugung, wie: „ich bin ja böse, sündhaft“ oder „ich bin zu plump und ungeschickt“, versucht die Überempfindlichkeit je nach dem vorhandenen Material und zumeist ausgehend von den schwächsten Punkten der Organminderwertigkeit die entgegengesetzten Charaktere und Eigenschaften zu entwickeln. Man wird in diesen Fällen Tendenzen wahrnehmen, die auf Hemmung der primären Triebregungen (des Mundes, der Augen, der Exkretionsorgane) gerichtet sind, oder die imstande sind, das Peinliche der Minderwertigkeitserscheinungen oder gleichgeachteter Schwächen besonders tief empfinden zu lassen (das Erröten, die Schmerzempfindlichkeit, Schwächlichkeit, Unverständnis, geringe Körpergröße[^12]). Dicht daneben merkt man aber bereits die Ansätze, die als die psychischen Schutzvorrichtungen deutlich zu erkennen sind, berufen, einem Umkippen in den alten Fehler und damit einer Verletzung der Überempfindlichkeit vorzubauen. Hierher gehören alle Züge von *Pedanterie,* die nur den einen Sinn haben, eine Sicherung der Lage herbeizuführen. Aber ebenso machen sich *abergläubische oder einem Anlehnungsbedürfnis entspringende Regungen breit,* die wie Sicherungsvorkehrungen die Höhe der neugewonnenen moralischen oder ästhetischen Kultur garantieren müssen (Gebete, Zeichen- und Zahlensymbolik, Zauberglauben usw.)[^13]. Und wieder nebenan, aus der gleichen Weltanschauung stammend, findet man Erscheinungen der *Selbstbestrafung oder der Buße,* ästhetische Anwandlungen, Tendenzen, sich Schmerzen, Entbehrungen, Leistungen aufzuerlegen[^14], sich vom Spiel, von Vergnügungen, von der kleinen Welt der Gespielen zurückzuziehen[^15]. Dabei ist das Kind stets am Werke, <!-- S. 538 --> mit äußerster Vorsicht sein Geheimnis zu wahren, und kann dabei so weit kommen, bei jedem Menschen, insbesondere aber beim Arzt, die Absicht zu vermuten, dieses Geheimnis auszukundschaften[^16]. Mißtrauen und der Verdacht, man habe etwas mit ihm vor, entstehen beim Kinde. Dieses Ensemble führt zu den von mir (siehe: Der Aggressionstrieb, l. c.) beschriebenen Formen der Aggressionshemmung und ich muß weiterhin die Behauptung aufstellen, *daß die Aggressionshemmung zustandekommt durch die Konkurrenz anderer Organminderwertigkeitserscheinungen, insbesondere der Überempfindlichkeit.*

Von der moralischen Seite betrachtet, mündet der psychische Entwicklungsprozeß der Organminderwertigkeit in ein vergrößertes Schuldbewußtsein und in eine Überempfindlichkeit gegen Selbstvorwürfe und Vorwürfe der Umgebung[^17]. Diese Konstellation bewirkt es, daß die psychische Arbeitsleistung eine namhafte Erhöhung erfährt, da das ganze weitere Leben unter dem Drucke der Überempfindlichkeit steht, die wie ein allzeit bereiter Motor das Triebleben modifiziert, die Triebrichtung hemmt und beeinflußt. Anderseits besteht dauernd ein lastendes, drückendes *Gefühl einer begangenen oder zu verhütenden Schuld*[^18], *das abstrakt geworden ist und ständig nach einem Inhalte sucht. Zuweilen ist dieses Suchen nach dem Inhalte des Schuldvollen, Strafbaren besonders akzentuiert;* dann entsprechen ihm später oft Zwangshandlungen und Zwangsideen, Kleptomanie, Aufsuchen des „Lasters“ in jeder Form. Das Gefühl, ein „Verbrecher“, ein „Auswürfling“ zu sein, beginnt zu dominieren und steigert die Überempfindlichkeit gerade gegen Vorwürfe und Konstellationen entsprechender Art. Ebenso wie das Aufsuchen von strafbaren, schmutzigen Situationen liegen diese Charakterzüge im Bereiche der masochistischen Regungen und erweisen sich so gleichzeitig als Wunscherfüllung und Erniedrigung.

Es scheint, daß gewisse Entwicklungspunkte diese innere Spannung, den primären inneren Konflikt steigern und mit ihrem Inhalt <!-- S. 539 --> erfüllen können. So vor allem sind es die *ersten Berührungen mit dem Sexualproblem,* die etwa um das fünfte Lebensjahr statthaben, ferner die *Masturbation* und die *Sexualbeziehungen des Erwachsenen.* Man gewinnt dabei den Eindruck, *daß alle die späteren Konflikte zur manifesten Neurose führen können, sobald der primäre, aus der Organminderwertigkeit stammende innere Widerspruch besteht,* und man kann bei allen zur Neurose disponierten von einem Zustande der „*psychischen Anaphylaxie*“ sprechen, der sein materielles Analogon bei bakteriellen Erkrankungen hat, wo bei gewissen Vorimpfungen eine Überempfindlichkeit gegen das ursprüngliche Gift erlangt wird.

Die ersten Sexualerkenntnisse, die sich dem Kinde auf Schleichwegen ergeben, verletzen eine vorhandene Überempfindlichkeit auf das Allerheftigste. Das Kind kann sich betrogen, gefoppt, ausgeschlossen vom allgemeinen Wissen vorkommen. Es empfängt den Eindruck, daß man Komödie vor ihm spiele, es sieht sich einem Geheimbunde der anderen gegenüber und ist, was insbesondere bei Minderwertigkeit der Sexualorgane und der sie häufig begleitenden größeren Empfindlichkeit in Betracht kommt, mit seinem frühzeitig erwachenden Sexualtriebe in eine schwierige Lage versetzt. Das „sexuelle Trauma“, ebenso die Frühmasturbation ergeben sich von selbst, wichtiger aber sind die frühen Gedankenregungen und Phantasien, die ins *Incestnöse* geraten und mangels wichtiger Orientierung *perverse Züge* verraten oder das *Schwanken und den Zweifel*[^19] des Kindes ungemein verstärken. Und über allen Regungen des Kindes drohend das nunmehr vertiefte Schuldbewußtsein, damit die Hemmung jeder Aggression, die Buße und die *Erwartung einer Strafe,* eines unglücklichen Ausganges. Ähnliche Vorgänge zeitigt die Masturbationsperiode. Und es bleibt Sache des Schicksals des einzelnen, vor allem aber der jeweiligen Konstellation, aus welchen der oben geschilderten Minderwertigkeitserscheinungen und aus welcher Zeit ihrer Entwicklung die Neurose ihre Bilder zu nehmen gezwungen ist.

Nach diesen Vorbemerkungen will ich einige psychoanalytische Ergebnisse zu dem Falle des siebenjährigen Mädchens mit „nervösem Kopfschmerze“ vorbringen. Meine erste Frage betraf die Empfindlichkeit des Kindes. Die Mutter berichtete, daß das Mädchen gegen Schmerz, <!-- S. 540 --> gegen Kälte und Hitze sehr empfindlich sei. In seelischer Beziehung sei die Empfindlichkeit geradezu krankhaft. Sie lerne ungemein fleißig und komme ganz verstört nach Hause, wenn sie einmal in der Schule eine Frage nicht beantworten konnte.

„Wie verträgt sie sich mit ihren Mitschülerinnen?“

„Sie streitet nicht, rauft nicht, hat aber keine eigentliche Freundin. Auch will sie immer alles besser wissen und besser machen als die anderen.“

„Können Sie etwas darüber sagen, ob sie den Vater vorzieht?“

„Der Vater ist häufig auf Reisen. Sie ist ihm sehr zugetan. Eher möchte ich glauben, daß sie mich vorzieht.“

„Woraus schließen Sie das?

„Es ist eine ständige Redensart meiner Tochter: wenn ich einmal groß bin, *werde ich auch einen Hut, ein Kleid usw. wie die Mama haben.*“

„*Leiden Sie denn auch an Kopfschmerzen?*“

„*Oh, ich habe seit Jahren die entsetzlichsten Kopfschmerzen.*“

„*Nun, da hat die Kleine eben auch Kopfschmerzen wie die Mama!*“

Solche Behauptungen aufzustellen dürfte manchem gewagt erscheinen. Eine gewisse Erfahrung in der analytischen Psychologie läßt aber ein solches Vorgehen gerechtfertigt, ja noch mehr als notwendig erscheinen. Soviel ist aus der kurzen Bekanntschaft bereits zu erschließen, daß dieses Mädchen den angestrengten Versuch macht, sich in die Rolle der Mama hineinzudenken, woraus wir entnehmen können, daß sie sich über ihre Stellung als Mädchen und zukünftige Frau *unzweifelhaft* im klaren ist. Was die Mutter als Bevorzugung ihrer Person ansieht, kann nicht als solche zugegeben werden. Es gewinnt vielmehr den Anschein, als wähle die Kleine für ihr Benehmen in manchen Punkten die Beziehung der Mutter zum Vater als Ausgangspunkt, wobei sie der Mutter möglichst gleich zu werden trachtet. Diese Tendenz sowie der unverkennbare Ehrgeiz des Mädchens, ihre gereizte Überempfindlichkeit, wenn sie Kameradinnen gegenüber zurückstehen soll, müssen notwendigerweise nach außen hin das Gepräge des *Neides* erhalten. Eine diesbezügliche Frage wird von der Mutter bejaht mit dem Hinweise, daß es sich dabei vorwiegend um Futterneid — Obst oder Näschereien bezüglich — handle. Der Vater der kleinen Patientin leidet an Cholelithiasis (Minderwertigkeit des Ernährungsapparates), die Kleine hat <!-- S. 541 --> in den ersten zwei Lebensjahren an Diarrhöen, seither an Obstipation (Darmkompensation) gelitten. Sollte die Kleine im allgemeinen die Mutter beneiden und bereits Zeichen von Wissensneid äußern?

Weitere Erkundigungen ergeben, daß das Kind schon vor längerer Zeit eine Neigung zu masturbatorischen Berührungen zeigte, daß es seit Geburt im Schlafzimmer der Eltern schlief, daß es kokett sei und sich gern in schönen Kleidern im Spiegel betrachte. Als ich der Mutter meine Vermutung über die Ursache der Kopfschmerzen mitteilte, rief die Mutter aus: „Oh, deshalb peinigt mich der Fratz immer mit der Frage, *woher die Kinder kämen!*“ Sie erzählte mir weiter, sie habe dem Kinde auf seine Fragen vor längerer Zeit geantwortet, die Kinder kämen aus einem Teiche. Seither bringe das Mädchen sehr häufig das Gespräch wieder auf diesen Punkt. Eines Tages fragte es: „Und wozu braucht man die Hebamme?“ Die Mutter antwortete ihr, die hole eben das Kind aus dem Teiche. Nach einiger Zeit fragte das Mädchen: „Du sagst also, daß man die kleinen Kinder aus einem Teiche bringe? Was geschieht aber im Winter, wenn der Teich zugefroren ist?“ Darauf konnte die Mutter nur ausweichend antworten.

Man sieht hier deutlich, wie die sexuelle Neugierde den Witz und Scharfsinn des Kindes zur Entfaltung bringt und im allgemeinen seine Wißbegierde steigert[^20]. Die bedauerlichen Steigerungen seiner Neugierde stammen offenbar aus seiner Anlage, aus einem stärkeren Schautrieb, den ich nach zahlreichen Analogien auf angeborene Minderwertigkeit der Sehorgane zurückführen muß. Ich kann den Beweis in diesem Falle nicht antreten, möchte aber darauf hindeuten, daß sowohl bei dem Kinde als bei der Mutter der Schmerz sich bis auf die Augen erstreckte. — Von Zornausbrüchen, Jähzorn, Wut ist bei dem Kinde keine Spur wahrzunehmen. Der Aggressionstrieb vermeidet offenbar bei Verletzung der Überempfindlichkeit diese aktivsten Bahnen. Außer den Fragen an seine Mutter, die aber auch *äußerst vorsichtig* gefaßt sind, findet man keinerlei Zeichen einer äußeren Aggression. Es ist daher die Vermutung berechtigt, daß der stürmische Wissensdrang, der in dem Kinde tobt, auf die Schmerzbahnen abgelenkt wird, dabei den ererbten Locus minoris resistentiae ergreift und so das Symptom der Kopfschmerzen erzeugt.

Bleibt noch die Frage, wodurch wird jedesmal dieser nervöse <!-- S. 542 --> Mechanismus ausgelöst? Ich frage die Mutter, wann der letzte Anfall aufgetreten ist. „Gestern nachmittags; auf der Straße!“

„Können Sie einen Grund ausfindig machen?“

„Nein. Ich wollte mir ein Kleid bestellen.“

„Haben Sie das Kleid bestellt?“

„Nein. Die Kleine jammerte so entsetzlich, daß mir nichts übrig blieb, als unverrichteter Dinge nach Hause zu fahren.“

Das heißt, das Kind hat es durch seine Kopfschmerzen vorübergehend verhindert, daß die Mutter ein neues Kleid bekommt. Dann muß aber, wie wir vorausgesetzt haben, der Neid (ursprünglich Futterneid, später durch Verschränkung Augenneid, Wissensneid) eine maßgebende Rolle spielen. Wir erinnern uns der Worte des Kindes: „Wenn ich groß bin, werde ich auch einen solchen Hut, solche Kleider wie die Mutter haben.“ Die Überempfindlichkeit des Mädchens ist also gegen jeden Vorzug gerichtet, durch den die Mutter vor ihr ausgezeichnet erscheint, gegen die Anschaffung neuer Kleidungsstücke, gegen deren besseres Wissen über die Herkunft der Kinder, und es wäre nur zu verwundern, wenn sich die gleiche Überempfindlichkeit des sexuell frühreifen Kindes nicht auch gegen die zärtlichen Beziehungen des Vaters zur Mutter gerichtet wären. (Sexualneid.) — Es ist sicher vorauszusetzen, daß die Zärtlichkeit des Vaters gegen die Mutter gerade zur Zeit der Kopfschmerzen besonders augenfällig wurde, was die Mutter auch lächelnd zugibt. Die Fixierung des gleichen Symptoms beim Kinde zeigt also in die gleiche Richtung: *Rivalität gegen die Mutter.* Der etwas ängstliche Vater, aber auch die Mutter *beginnen das Kind zu verhätscheln.*

Damit erspart sich das Kind eine große Anzahl von Verletzungen seiner Überempfindlichkeit. Aber schon zeigt sich von ferne die Gefahr, die dem Kinde droht. Es hat keine Freundin, meidet Gesellschaft, wird schüchtern und feige, zeigt sich aufgeregt, wenn Besuche zu erwarten sind. Es ist kein Zweifel, daß seine „kulturelle Aggression“ gehemmt ist.

Welches ist nun die Kraft, die imstande ist, eine solche Hemmung durchzuführen und dem Kinde die ungehinderte, freie Auswahl der Mittel, seine Triebe zu befriedigen, unmöglich zu machen? Nach meiner Erfahrung erfährt man dies von den Kindern selten. Es sei denn, unter ganz günstigen Bedingungen, bei noch ungebrochenem Mute des Kindes, und wenn man sein volles Zutrauen hat. Man ist darauf angewiesen, die aus der Psychoanalyse Neurotischer gewonnenen Erfahrungen zu Rate zu ziehen, aus denen auch die vorangeschickten Beobachtungen <!-- S. 543 --> stammen. Die volle Beruhigung über die Richtigkeit und Konformität des Zusammenhanges wird sich dann aus der Anwendbarkeit und dem Verständnisse für mehrere oder alle Symptome der kindlichen Psyche ergeben. So auch in diesem Falle. Der innere Widerspruch, der zum primären Konflikte und damit zur Unausgeglichenheit und Zaghaftigkeit dieser Kinderseele führte, muß in dem Zusammenstoße seiner heftigen Triebe und einer sie verurteilenden Instanz gelegen sein, wobei eine kleine Erfahrung peinlicher Erlebnisse (Organempfindlichkeit, Blamagen, Strafen) zur Intoleranz gegen Herabsetzung führte. Damit war ein mächtiger Impuls zum Neid und der Ansatz zu stürmischem Ehrgeiz gegeben, der größeren, erfahreneren Mutter gleich zu werden. Die Verschränkung mit dem frühzeitig erwachenden Sexualtriebe bringt in das ganze Ensemble von Regungen einen feindseligen, aber straffälligen Zug gegen die Mutter. Es ergibt sich ein *Schuldgefühl,* dessen Basis und Inhalt aus dem Bewußtsein gestoßen wird, ein sozusagen abstraktes Schuldgefühl, das sich mit jedem *möglichen* Inhalte verbinden kann, durch seine Inkongruenz aber leicht auffällig wird. Dieses Schuldgefühl bewirkt die Hemmung der Aggression — „so macht Gewissen Feige aus uns allen“ — und es entsteht eine *Situation,* der die Ausgleichsmöglichkeit fehlt, eine Konstellation, auf deren Bahnen sich die Symptome der Neurose entwickeln.

Dementsprechend wird die Psychoanalyse einer Neurose in jedem Falle Erscheinungen nachweisen können, die auf diese Konstellation und ihr vorläufiges Resultat (je nach der Wirksamkeit der angeborenen Aggressionsfähigkeit) reduzierbar sind, sich auch von diesem Punkte aus verstehen und kurieren lassen. Ein Schema der Neurose und ihrer Erscheinungen, das auf Vollständigkeit oder Abgeschlossenheit keinen Anspruch erhebt, hätte folgende Punkte *regelmäßig* zu berücksichtigen:

I. Erscheinungen, die den ursprünglichen Triebregungen sowie den Merkmalen der Organminderwertigkeit entsprechen.

<!-- Los puntos II-V van agrupados en el original por una llave, a cuya izquierda se lee: «Psychischer Verrat des Schuldgefühles». -->

*Psychischer Verrat des Schuldgefühles:*

> II. Überempfindlichkeit, die sich gegen Herabsetzung, Beschmutzung, Bestrafung kehrt.
>
> III. Erwartung von Herabsetzung, Beschmutzung und Bestrafung (siehe II), Vorkehrungen gegen dieselben. Angst.
>
> IV. Selbstvorwürfe, Selbstbeschuldigung.
>
> V. Selbstbestrafung, Buße, Askese[^21].

<!-- S. 544 -->

VI. Ursachen des Schuldgefühles: Immer Verfehlungen infolge von Organminderwertigkeit, immer Inzestgedanken und feindselige Aggression gegen den gleichgeschlechtlichen Teil der Eltern (letztere fehlt bei zweifelhafter sexueller Orientierung in der Kindheit oder trifft beide Teile), Masturbation. Alle anderen Ursachen des Schuldgefühles lassen sich als Verschiebungen erkennen.

VII. Als Folge einer der möglichen Konstellationen eine sich ergebende Aggressionshemmung.

Eine zusammenfassende Betrachtung ergibt zunächst den *einheitlichen Aufbau bestimmter Neurosen,* zu denen ich Hysterie, Zwangsneurose, Paranoia, Neurasthenie und Angstneurose rechnen muß. Alle diese Erkrankungen[^22] befallen nur jenes Menschenmaterial, das als Träger von Organminderwertigkeiten die größeren Schwierigkeiten bei Einfügung in die Kultur zu überwinden hat.

*Diese Schwierigkeiten, von denen in meiner „Studie“* (l. c.) *und im vorhergehenden abgehandelt wird, liegen der Disposition zur Neurose zugrunde und sind identisch mit ihr.* Die Möglichkeit einer glatten Überwindung durch Kompensation und Überkompensation ist allerdings gegeben. Oft stellen sich aber neue Erschwerungen ein, die aus *dem Familienzusammenhange* stammen. Unter diesen stehen an erster Stelle Schuldgefühle, die ursprünglich aus erotischen Gefühlen und gleichzeitigen feindseligen Regungen entstanden sind, später aber sich von ihrem Inhalte loslösen und selbständig machen. Autoerotische Betätigungen verstärken dieses Schuldgefühl, insbesondere im Falle sexueller Frühreife. (Sexualminderwertigkeitserscheinung.) Wie weit die gegenwärtige Erziehung einen Einfluß hat, ist in jedem Falle besonders abzuschätzen, verdient aber eine gesonderte Besprechung. Da ihr Prinzip fast allgemein die *Erzielung von Feigheit* ist, kommt sie oft in die Lage, das Schuldgefühl zu verstärken.

Wer für die Einheit und den einheitlichen Aufbau der Psychoneurosen eintritt, dem erwächst naturgemäß die Pflicht, die Besonderheiten <!-- S. 545 --> zu erklären. Die vorliegende Arbeit hat an verschiedenen Punkten dazu Stellung genommen. Je nach Art, Ausbildung und Zusammenwirken der vorhandenen Organminderwertigkeiten wird das Bild der Neurose sich gestalten. Von Wichtigkeit ist die Größe, Verwandlungsfähigkeit und Ausdauer des angeborenen Aggressionstriebes, weil diese Faktoren es sind, die das Kind „schuldig werden lassen“, ihm anderseits die Möglichkeit geben, teilweise oder ganz auf weniger strafbare Gebiete auszuweichen. (Sublimierung der Triebe.) Von großer Bedeutung ist ferner die Stellung des zur Neurose disponierten Kindes in der Familie, insbesondere, *weil sich daraus die Situation ergibt, die zum Grundrisse der Neurose wird. In dieser Situation ist bereits alles angedeutet, was der fertige Neurotiker an krankhaften Erscheinungen aufbringt, und es liegen die Ursachen für den krankhaften Charakter in ihr zutage. Die zur Neurose disponierende traumatische Situation setzt sich ungefähr im Areale der oben angeführten sieben Grundlinien durch und erzeugt den Zustand einer bestimmten psychischen Anaphylaxie, der entsprechend gleich gerichtete psychische Schädigungen des späteren Lebens den verstärkten Zustand der ursprünglichen traumatischen Situation erzeugen: die besondere Neurose.*

<!-- Fin del artículo (filete de cierre). Sigue en el volumen el «Sammelreferat» de Karl Abraham sobre los escritos de Freud. Se respetan las lecturas del impreso «phyllogenetisches» (S. 533), «ästhetische Anwandlungen» (S. 537; quizá por «asketische»), «Incestnöse» (S. 539; por «Incestuöse») y «wichtiger Orientierung» (S. 539; quizá por «richtiger»), «Flies» (S. 535, por Fließ), así como «gerichtet wären» (S. 542) y la comilla de cierre que falta tras «Woraus schließen Sie das?» (S. 540). -->

[^1]: Jahrbuch für Psychoanalyse und Psychopathologie, I. Heft.

[^2]: *Adler,* Das Zärtlichkeitsbedürfnis des Kindes, Monatshefte für Pädagogik und Schulpolitik, I., 1, Wien.

[^3]: Fortschritte der Medizin, Leipzig 1908, H. 19.

[^4]: Aus einer großen Anzahl von Psychoanalysen geht nämlich hervor, daß sich der *Zweifel* neurotischer Personen an dieses frühe kindliche Schwanken anschließt, ob ihm eine männliche oder weibliche Rolle zufallen wird. Die häufige Sexualphantasie der Kinder, nach welcher der beiden Geschlechtern zukommende Anus zum Sexualziel genommen wird, und die sexuelle Unerfahrenheit bringen in diesen Fällen die Verwirrung hervor.

[^5]: *Bleuler,* Affektivität und Paranoia.

[^6]: Ein Fall für viele: Ein 36jähriger Patient gefährdete sein Fortkommen dadurch in hohem Grade, daß er nach kurzer Zeit überall in Streit verwickelt wurde. In der Analyse gelang der Nachweis, daß in ihm ein heimliches Streben lag, der Vater möge ihn mißhandeln. Aus seiner Kindheit und Pubertät lagen Erinnerungen vor, nach welchen er bei irgendeiner Herabsetzung in der Familie andernorts Streit anfing, um Prügel zu bekommen; oder er ließ sich „zur Beruhigung“ gesunde Zähne ziehen. Der Wunsch, vom Vater mißhandelt zu werden, entsprach seinem mangelhaften Verständnis aus dem vierten Lebensjahre, als er durch Beobachtungen dazu kam, anzunehmen, der Vater mißhandle die Mutter beim Geschlechtsverkehr. Da er *über seine Männlichkeit im Zweifel war,* und da ihm der Anus für den Geschlechtsverkehr als nötig erschien, er den weiblichen Geschlechtsteil noch nicht entdeckt hatte, war es ihm möglich, zwei Weltanschauungen zugleich zu entwickeln, eine, in der er männlich, die andere, in der er weiblich war. In Verfolg der letzteren wandelte ihn die Lust nach den väterlichen Mißhandlungen an. Dank seiner Fähigkeit zur Sublimierung und Übertragung kam es in seinem späteren Leben zu fortwährenden, in Wirklichkeit von ihm intendierten Insulten. Dies um so mehr, als er in jeder Insulte gleichzeitig *eine ihm auferlegte und ebenso gesuchte Buße* sah. Darüber später im Texte.

[^7]: Eine bestimmte Art der Nervenübererregbarkeit ist bekanntlich von Anomalien der Nebenschilddrüsen abhängig, so daß wir die angeborene Minderwertigkeit bestimmter Drüsen, der Schilddrüsen, des Pankreas, der Hypophyse, der Nebennieren, vielleicht auch der Prostata, der Hoden und Ovarien usw. als den Ausgangspunkt bestimmter Überempfindlichkeiten erkennen werden. In vielen Fällen geht dann die auslösende Wirkung nicht von der ursprünglich minderwertigen Drüse aus, sondern kommt durch Überkompensation einzelner Teile oder anderer Organe zustande, die qualitativ oder quantitativ den Ersatzzweck verfehlt. So auch das Zentralnervensystem oder bestimmte Nervenbahnen, wenn sie zur Überkompensation gezwungen sind. Eine eingehende Erörterung siehe in *Adlers* „Studie über Minderwertigkeit der Organe“.

[^8]: Siehe „Der Aggressionstrieb im Leben und in der Neurose“, l. c.

[^9]: Siehe *Freud,* Traumdeutung, Deuticke 1908.

[^10]: Ein 3jähriges Mädchen zeigt seit einiger Zeit Mangel an Eßlust. Befund negativ. Bei der Untersuchung fällt auf, daß das Kind wiederholt ausruft: „Es stinkt!“ Die Eltern geben an, daß das Kind seit einiger Zeit bei allen Gelegenheiten diesen Ausruf gebrauche. Die weitere Exploration ergab eine überaus starke familiäre Geruchsüberempfindlichkeit und Defäkationsanomalien. Die Nase macht ihre Idiosynkrasien geltend. Die Geruchstoleranz ist so niedrig geworden, daß auch auf normale Gerüche mit Widerwillen reagiert wird. Der Mangel an Eßlust stammt aus dieser verminderten Toleranz. — Sowie in diesem Falle die Eßaggression sehen <!-- S. 535 --> wir in vielen Fällen die Sexualaggression durch Geruchsüberempfindlichkeit gehemmt. Doch vermißt man in der Analyse der psychischen Impotenz niemals die weiter unten folgenden Beziehungen.

[^11]: Daß diese Unbeholfenheit oft in eine auffallende Geschicklichkeit, Kunstfertigkeit oder in künstlerisches Wesen übergeht, und zwar auf dem Wege der psychischen Überkompensation, habe ich in meiner „Studie“ (l. c.) hinlänglich betont. Ich bin der Ansicht, daß die häufige Erscheinung der Linkshändigkeit bei Künstlern (siehe *Flies*), aber auch bei Neurotikern und Epileptikern die gleichen Grundlagen der cortico-muskulären Systemminderwertigkeit aufweist.

[^12]: Erythrophobie, Stottern, Hypochondrie und verwandte Züge in den Neurosen lassen diesen Mechanismus stets erkennen.

[^13]: Diese Züge finden sich später insbesondere bei der Zwangsneurose.

[^14]: Einer meiner Patienten mußte jedesmal im Bade den Kopf solange unter Wasser halten, als er bis 49 gezählt hatte.

[^15]: Erscheinungen, die wir in der Hysterie, Hypochondrie und Melancholie wiederfinden.

[^16]: Ist diese Tendenz (wahrscheinlich bei gewissen Formen der Augenminderwertigkeit) besonders ausgebildet, so stellt sie das normale Analogon der Paranoia dar. Auch bei der Hysterie finden sich diese Züge.

[^17]: Die Bedeutung der „tragischen Schuld“ im Drama entspricht ungefähr der Stellung des Schuldbewußtseins in der Neurose. Viele Dichter, insbesondere *Dostojewsky,* haben die Zusammenhänge von Schuldbewußtsein und Psyche meisterhaft dargestellt.

[^18]: Die Erbsünde der religiösen Anschauung ist das normale Gegenstück.

[^19]: Der Wiener Dialekt hat für den Fall des äußersten Zweifels und der lähmenden Ratlosigkeit den Ausruf: „Jetzt weiß ich nicht, ob ich ein Mandl oder ein Weibl bin.“

[^20]: Für die Pädagogik möchte ich daraus die Folgerung ableiten, mit der Sexualaufklärung des Kindes solange zu warten, bis diese Förderung der Wißbegierde erfolgt ist. Allerdings auch nicht länger.

[^21]: Zuweilen kommen hier Erscheinungen zutage, die dem Punkte I gleichzeitig <!-- S. 544 --> entsprechen: Selbstbeschmutzungen, Selbsterniedrigungen, Masturbationszwang oder Verschiebungen ins Psychische: Ungeschicktheiten, gesuchte Blamagen und Schmerzen; Bevorzugung von Dirnen u. a.; die „Wollust der Askese“, Masochismus gehören in dieses Kapitel. Ebenso Perversionen.

[^22]: Vielleicht wird eine reichere Erfahrung *gestatten,* auch die Dementia praecox, Melancholie, das manisch-depressive Irresein und die Manie auf dieses Schema zu beziehen.

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*Fuente:* transcripción a partir del volumen completo del *Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen* 1 (1909), 2.ª mitad, digitalizado en Internet Archive (PDF y OCR del portal), págs. 526-545 (págs. 196-215 del PDF); el OCR se cotejó con las imágenes de las veinte páginas, en particular para el espaciado y las erratas señaladas en el comentario final. Ortografía original; el espaciado del original (también en los nombres propios) se da en cursiva. Las notas a pie, numeradas por página en el original, se dan con numeración corrida `[^n]`. Los comentarios `S. n` marcan el comienzo de cada página impresa. Adler recogió el texto en *Heilen und Bilden* (1914), págs. 54-73, en una versión revisada que se publica aparte en el archivo («1914 Über neurotische Disposition»).
