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Title: Ueber Vererbung von Krankheiten
Description: Der Kampf. Sozialdemokratische Monatsschrift (Wien) 1 (1907/08), H. 9 (1. Juni 1908), S. 425-430. Wiederabgedruckt in Heilen und Bilden (1914), S. 41-49.
Author: Alfred Adler
URL: https://adler.school/archivo/adler/original/1908-06-01%20Ueber%20Vererbung%20von%20Krankheiten
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<!-- Vorher auf derselben Seite der Schluss eines anderen Beitrags (über die französische Gewerkschaftsbewegung); nicht von Adler, nicht transkribiert. -->

# Dr. Alfred Adler: Ueber Vererbung von Krankheiten

Die Frage nach der Uebertragung von körperlichen Eigenschaften der Eltern auf die Kinder ist wohl die schwerstwiegende und inhaltsreichste der gesamten Lehre vom Leben. An sie und ihre stückweise Lösung knüpft unser Verständnis von der Stetigkeit der Tier- und Pflanzenarten, von ihrer Abänderung und Aufzüchtung, von der Erhaltung förderlicher Eigenschaften und dem Verschwinden untauglicher auch beim Menschen, von der Einheit der Natur und ihrer fortschreitenden Gestaltung an. Die Macht der Vererbung fixiert die Arten im Tier- und Pflanzenreich und lässt nur Gleiches von Gleichem abstammen. Dieselbe Macht aber tritt ein anderesmal artbildend auf und überträgt einmal erworbene Veränderungen unter gewissen Umständen auf die Nachkommen.

Da tauchen die alten Rätsel der Menschheit auf und fordern immer dringender ihre Lösung. Was wird vererbt? Wie vollzieht sich die Vererbung? Wie können erworbene Eigenschaften auf die Nachkommen übergehen? Können geistige Eigenschaften übertragen werden? Wie weit reicht der Einfluss des Vaters? der Mutter? der Ahnen? Gehen wir einer Verbesserung der menschlichen Rasse durch Auslese des besseren Materials, einer Verschlechterung durch Steigen der Degeneration (Keimschwäche) entgegen? Wie und wodurch können sich Krankheiten vererben?

Die Lehren *Darwins* weisen auf den Kampf ums Dasein hin, der das untaugliche Material unbarmherzig ausrottet und so den ewigen Fortschritt der ein<!-- S. 426 -->heitlichen organischen Welt erzwingt. *Weismann* fordert die Anerkennung des ewig unveränderlichen Keimmaterials, das wesentlich nur durch mächtige äussere Einflüsse in seinem feineren Aufbau verändert werden könne. *De Vries* und die *Neo-Lamarckisten* heben die Wichtigkeit und Bedeutung grösserer, sprunghafter Veränderungen im organischen Reiche hervor und halten diese im Werdeprozess der Arten für bedeutungsvoll. *Gregor Mendel* endlich zeigt uns die Abhängigkeit der Veränderungen von der Verschiedenheit des Elternpaares und die Gesetzmässigkeit der Vererbungsprinzipien. Sie und ihre näheren und entfernteren Anhänger haben manche der schwebenden Fragen gelöst, doch ist vieles noch dunkel und strittig, und die naturphilosophische Spekulation gedeiht noch recht üppig auf dem Boden der Vererbungslehre.

Die einzelligen Organismen besitzen in ihrer *einen* Zelle alle zum Leben und zur Fortpflanzung nötigen Kräfte. Ihr Bestand an Protoplasma (Zellstoff) reicht aus, um Nahrung heranzuziehen, diese zu verarbeiten, zu atmen, sich zu bewegen und sich durch Abschnürung eines Teiles der Leibessubstanz fortzupflanzen. Aber schon die nächsthöheren Stufen zeigen eine oft weitgehende Differenzierung (fortschreitende Zerlegung) ihres Zellbestandes und Zellvermögens. Bald begegnen wir in dem Aufstieg der organischen Welt zu höheren Organismen Zellen und Zellorganisationen, die nicht mehr omnipotent (allvermögend) sind. Die einen dienen dem Gesamtindividuum, das seinen Zellenzusammenhang bald nicht mehr aufgibt, als Ernährungsapparat, die anderen als Atmungsorgan, die eine Zellgruppe dient der Bewegung, eine andere wird schützender Mantel, Tastorgan, in der weiteren Folge Auge, Ohr und Nase. Die Fortpflanzung wird schliesslich nicht mehr durch Teilung der einzelnen Zelle, sondern von einem Geschlechtsorgan, in der weiteren Folge von zwei getrennten Geschlechtsorganen aus eingeleitet. Dieser fortschreitenden Differenzierung und Arbeitsteilung verdanken die hochqualifizierten Organe, Nervensystem, Blutkreislauf etc., ihre Entstehung.

Die Naturbetrachtung hat vorwiegend dieser Vervollkommnung, die in der Ausgestaltung des Individuums liegt, ihr Augenmerk geschenkt, und dies mit Recht. Sie hat aber auch Raum genug und wird sich gewöhnen müssen, *das Moment der Verkümmerung, der Zellbeeinträchtigung ins Auge zu fassen, auf dem sich der Fortschritt in der organischen Welt aufbaut.*

Immer war es der Zwang der äusseren Umgebung, durch den die Umgestaltung von Zellen und Zellgruppen, die Ausgestaltung chemischer und physikalischer Potenzen (Kräfte) erwirkt wurde. Die einfachen Aufsaugungsverhältnisse der Zelle genügten nicht mehr — da entstand durch einen einseitigen Wachstumsschub die erste Mund- und Darmbildung. Das Tasten der Zelle sollte in die Ferne dringen — da bildete sich die Seh- und Gehörsanlage. Die Entwicklung in der organischen Welt vollzieht sich so durch die Ausschöpfung und Umgestaltung aller der Zelle innewohnenden Fähigkeiten gemäss dem Anspruch der äusseren Reizquellen.

Der Eintritt der geschlechtlichen, insbesondere der zweigeschlechtlichen Fortpflanzung bedeutet eine Sicherung der auf das verschiedenartigste gediehenen Zellgruppen, der Organe. Was die differenzierte (entwickeltere) Einzelzelle nicht mehr vermag, aus sich die anderen Differenzierungen (Ausgestaltungen) hervorgehen zu lassen, das leisten nun die Geschlechtszellen, welche die Entwicklungsfähigkeit der Urzelle samt den Entwicklungsbestrebungen der Organe und Gewebe in sich vereinen.

Der Zwang schuf die Ausgestaltung der Organe, der äussere Zwang und die Reizquellen des Lebens rufen in den Organen eine Spannung hervor, deren befriedigender Lösung der Organismus zeitlebens zustrebt. Was der Organismus von der ihn umgebenden Welt sieht, hört, schmeckt, tastet, riecht, das fügt er innerlich zu seinem »Weltbild« zusammen. Und nicht minder, wie seine Organe dem Zwang der Aussenwelt unterliegen und sich nach ihnen umformen, ist das Organ bestrebt, die vor ihm liegende Welt zu erfassen und nach seinen Bedürfnissen umzugestalten. Die steigende Entwicklung des Nervensystems, vor allem des Gehirns bei den höheren Formen der Organismen dient dabei der Verknüpfung und Ausgestaltung des Wollens und Könnens der Organe.

Es ist klar, dass diese Entwicklungsreihe nur unter grossen Kämpfen und Gefahren zustande kam und dass das Organ auf jede neue Erschwerung der Lebens<!-- S. 427 -->bedingungen reagiert (antwortet). Für den Ausgang ist sowohl Art und Grösse der Anspannung als auch der Zustand des betroffenen Organs massgebend. Im günstigen Fall erfolgt ein Ausgleich der Spannung, der Bestand und die Funktion (Leistung) des Organs und damit der Gleichgewichtszustand des Organismus bleiben gewahrt. *Und die gleiche Harmonie (Einklang) der Vegetation macht sich auch in den Fortpflanzungsorganen geltend und sichert den Abkömmlingen die vollwertigen Keime einer der Aussenwelt angepassten Entwicklung.*

Dieses Bild einer allseits harmonischen Entwicklung hält den wirklichen Verhältnissen nicht stand. Und besonders die Zellverbände des höchstentwickelten Organismus, des Menschen, haben aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft mit ewig unausgeglichenen Spannungen zu rechnen, die sich aus mangelhaften Leistungen der Organe und Gewebe und den Anforderungen der sozialen Verhältnisse ergeben. Soll der glatte Ablauf der Lebensfunktionen in Gang bleiben, soll den Ansprüchen der Umgebung Genüge geleistet werden, so muss oft der Aufbrauch der inneren Spannkräfte eines Organs eine ungewöhnliche Steigerung erfahren. Die Störungen eines solchen oft recht mühevoll aufrecht erhaltenen Einklangs bezeichnen wir als Krankheiten, und finden als ihre letzten äusseren Ursachen zumeist Angriffe äusserer Kräfte, als da sind Verletzungen, Verunreinigungen mit Bakterien und anderen dem Körper feindlichen Stoffen, Hunger, Uebermass und Unzweckmässigkeit der Ernährung, Mangel der lebenswichtigen Luft, des Lichtes, der Wärme, des Schlafes, Ueberanstrengungen körperlicher und geistiger Art.

Sehen wir so die Entwicklung und Anspannung und Störung unserer Organe in Wechselbeziehung zur ökonomischen Lage, die Vorzüge und Krankheiten des menschlichen Organismus und die entwickelte Warenproduktion unserer Tage in gegenseitiger Abhängigkeit, so müssen wir die gleichen Beziehungen für die Fortpflanzungsorgane gelten lassen, die den Keimstoff liefern mit den gleichen Vorzügen und Schwächen des im Kampfe stehenden Organismus.

Es ist leicht einzusehen, dass die Schicksale des fertigen Organs und des wachsenden Keimes unter den auf sie wirkenden Kräften nicht die gleichen sein brauchen, in der Regel auch nicht die gleichen sind. Hier ein letztes Wachstumsprodukt, das nur wenige Reaktionen im Verhältnis zu der mit unendlicher Fülle und Reaktionsmöglichkeit ausgestatteten Keimzelle kennt, dort ein in mächtigen Wachstumsschüben zur Ausgestaltung drängender Organismus. Auch die Art des Angriffes ist nicht gleichgültig. Das fertige Organ vermag vielleicht in einer letzten Kraftanstrengung zum Siege zu gelangen, ohne dass ein Schaden auffällig wird. Der Keim kann aber bereits leichte Schädigungen erfahren haben, die seine Entwicklung mehr weniger beeinträchtigen, oder eine offenkundige Organerkrankung reicht nicht aus, um die Lebenskraft der Keimstoffe zu beeinträchtigen. Am häufigsten wohl trifft eine Krankheit das bereits im Keim geschädigte Organ und setzt so die Keimverschlechterung in den Nachkommen fort.

Höchst bedeutungsvoll für die Lehre von den kranken Organen und ihrer Vererbung ist der Umstand, dass die übertragene Keimstörung verschiedene Erscheinungen setzt, ja nach der Zeit ihres Auftretens während der Keimentwicklung; dass sie Zusammenhangsstörungen hervorrufen kann je nach der Beziehung und der gegenseitigen Beeinflussung der wachsenden Organe; und endlich, dass sie Entwicklungsstillstände und Fehlbildungen des Embryo erzeugen kann, welche die Spuren einer früheren embryonalen Zeit tragen, als etwa dem Neugeborenen entsprechen. Die Reihe dieser Keimstörungen, die in ihren harmlosen Ausprägungen als »Variationen« (Abänderungen) bekannt sind, ist so mannigfaltig, dass die ihnen entstammenden Organe keineswegs durchaus als mangelhaft oder untauglich, in vielen Fällen vielmehr wegen ihrer grösseren — weil dem Embryonalen näheren — Wachstumsenergie geeigneter sind, die Widerstände sozialer Natur zu überwinden, als die elterlichen Organe, die im Daseinskampfe dem Scheitern nahe gebracht wurden. Denn auch die »Widerstandsreaktion«, die Abhärtung gegen äussere Not, setzt sich im Embryonalleben fort, kann vielfach erst dort die zum Sieg erforderliche Grösse gewinnen, wie uns die Erscheinungen der Akklimatisation (Gewöhnung an geändertes Klima) beweisen.

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Zudem werden durch die zweigeschlechtliche Abstammung des Menschen Keimstörungen bei einem der Elternpaare durch den Keim des anderen häufig verwischt, wenn auch nicht völlig aufgehoben. Freilich können sie bei gleichlaufender Richtung auch verstärkt werden, was uns insbesondere den Blutsverwandtenehen gegenüber misstrauisch macht. Nicht dort, wo wir familiäre Keimstörungen ausschliessen können; bei solcher einwandfreien Inzucht können gewisse Vorzüge der Nachkommenschaft sogar in verstärktem Masse vererbt werden. Dann entspringen der Blutsverwandtenehe zuweilen individuell hervorragende Sprösslinge, die ihrer Umgebung in manchem überlegen sein können. Die Mischehe dagegen lässt weniger Gefahren bezüglich der Vererbung befürchten und hat für grössere Zeiträume entschieden die Tendenz, eine Gleichheit im Organischen anzubahnen.

Mit den *Anfängen der Keimstörung* haben wir heute wohl kaum mehr zu rechnen. Soweit die äusseren Krankheitsursachen für ein gesundes Organ und für ein Individuum von voller Widerstandskraft in Frage kommt — speziell bei Vergiftungen und epidemisch wirkenden Krankheitsursachen — können wir das Verhältnis von Organ und schädigendem Anspruch als das einer relativen Minderwertigkeit des Organs bezeichnen, aus der allerdings eine Keimstörung und damit eine absolute Minderwertigkeit des abstammenden Organs entstehen *kann.* Zumeist lässt sich aber der Nachweis führen, dass heute *vor aller Erkrankung* eines oder mehrere der Organe in unserem Sinne minderwertig sind, das heisst eine Keimstörung durchgemacht haben, deren Veranlassung in der Ahnenreihe zu suchen ist. Von den grossen Schädigern des Keimmaterials werden von ärztlicher Seite gewöhnlich drei genannt: *Alkohol, Lues* und *Tuberkulose.* Wir können mit dem gleichen Recht *alle Angriffsmomente sozialer Natur* hinzunehmen, auf die oben summarisch hingewiesen wurde, und müssen noch hinzufügen, dass sie alle in erster Linie das von Natur aus minderwertige Organ bedrohen.

Von diesem aber, das seine Eigenart irgendwelchen Entwicklungsstörungen des Keimes verdankt, müssen wir behaupten, dass es sich als minderwertig vererbt. Damit ist über den Ausgang noch nichts festgestellt. Sicher kommt es zum Absterben einer ungeheuren Zahl von Individuen, bei denen sich die Minderwertigkeit einzelner Organe bis zur Lebensunfähigkeit des Organismus entwickelt hat. Viele werden durch sonst erträgliche Ursachen zu Krankheit und Tod gebracht. Andere gewinnen Raum, finden durch Kräftigung oder die Huld ihrer sozialen Verhältnisse dauernd den Weg zur Gesundheit und können ihren Nachkommen eine günstigere Keimentwicklung vererben. Vielen erwachsen Hilfen aus gewissen Ueberleistungen der Nervenbahnen und des Gehirns, die sich in bewusster oder unbewusster Weise äussern und den Schein einer Vererbung geistiger Fähigkeiten hervorrufen. Immer aber sehen wir, wie das minderwertige Organ, solange nicht ein äusserster Grad von Schwäche daran hindert, mit den äusseren Feinden ringt, um sich direkt, durch Wachstumszuschuss, oder indirekt, auf dem Wege intensiverer nervöser und psychischer Leistungen, zu behaupten. Die Vollwertigkeit des Organismus hat keine Neigung, zu variieren (sich zu verändern), körperlicher und geistiger Stillstand sind ihre Ursachen und Folgen. Erst wenn sie durch eine Verschärfung der sozialen Ansprüche in die Minderwertigkeit gedrängt wurde, wenn der hierdurch vererbte minderwertige Keim seine dem Embryonalen verwandte Kraft zur Entladung bringt, kommt neues körperliches und geistiges Wachstum in die Welt. Oder, da dem organischen Wachstum Schranken auferlegt sind, entfaltet sich die Stärke des minderwertigen Organs in seinem psychischen Ueberbau und schafft sich seine Geltung durch neue Wege, Erfindungen, Künste und Abwehr der sozialen Gefahren.

Die medizinische Wissenschaft, die sozialen Gefühle der menschlichen Gemeinschaft, aber auch unsere Kultur, die auf volle Arbeitsfähigkeit des Individuums ihren Anspruch erhebt, haben erfreulicherweise das Interesse an dem erkrankten Menschen erheblich vertieft. Eine Steigerung dieses Interesses wird unbedingt eintreten, wenn die Menschheit gezwungen ist, die Fragen der zukünftigen Gesellschaft für die Gegenwart als bindend anzusehen. Alle diese Umstände verstärken die Notwendigkeit, den Fragen der Vererbung in der Lehre von den Krankheiten mit regem Eifer nachzugehen. Aus unserer Darstellung ergibt sich, dass den angeborenen Anlagen zur Krankheit ein ungeheurer Einfluss einzuräumen ist, der nur zu oft ver<!-- S. 429 -->kannt wird, weil so häufig die Anlage unerkannt bleibt und der Ausbruch einer Erkrankung vermieden wird. Je weiter die medizinische Erkenntnis vordringt, um so mehr lehrt sie uns im Falle der Erkrankung den Beitrag der Erblichkeit würdigen. Aber noch mehr. Bei aufmerksamer Beobachtung sind wir heute bereits vielfach in der Lage, aus den dem fertigen Organismus anhaftenden, verräterischen Spuren einer Keimschwächung den Verdacht auf bestimmte drohende Erkrankungen zu lenken. Wohl nur den Verdacht; denn es darf die Mitbeteiligung konkurrierender Krankheitsursachen niemals ausser Betracht gelassen werden, wenngleich bei den schwer ausschaltbaren Ansprüchen unserer Kultur manche dieser weiteren Ursachen sich mit Notwendigkeit einstellen. *Die Konjunktur beherrscht das Keimmaterial,* führt zur Minderwertigkeit der Organe und damit zur erblichen Krankheitsanlage. An dem wenig scharfen Krankheitsbegriff scheitert eine sichere Unterscheidung zwischen Vererbung von Anlage und Vererbung von Krankheit. Die aufzubringende Leistung des Organs und ihr Verhältnis zur Organwertigkeit entscheiden über Leben und Tod, über Gesundheit und Krankheit.

Fehlbildungen oft feinster Art und Funktionsmängel sind im allgemeinen die Zeichen der ererbten Minderwertigkeit und als solche recht häufig vererbbar. Sie sind nicht immer, trotz Krankheitsanlage, nachweisbar oder können an anderen Gliedern des Stammbaumes hervortreten. Was sich daran als Krankheit anschliesst, ist zumeist recht verschiedener Art. So kann es kommen, dass der bunteste Wechsel von Erkrankungen eines Organs und seiner zugehörigen Anteile in der Erbfolge in Erscheinung tritt, dass Krankheit und Gesundheit einander ablösen, dass Anlage und Gesundheit, Krankheit und Anlage aufeinander folgen. Die Mannigfaltigkeit wird noch gesteigert, da der Sitz des »geringeren Widerstandes« im Organ ein wechselnder sein kann, so dass die Minderwertigkeit in der Erbfolge nicht nur verschiedene und anderswertige Stellen des Organs, und diese in verschiedener Ausprägung, sondern auch zugehörige Zellgruppen des Nervensystems, der Blut-, der Lymphbahnen ergreifen kann und so einer ausbrechenden Erkrankung formgebend vorbaut. Andererseits darf es nicht wundernehmen, wenn wir bei manchen Erbfolgen Identität (Gleichheit) der Erkrankungen oder sogar Auftreten identischer Krankheiten in der gleichen Entwicklungsperiode vorfinden.

Alle zu weit gehenden Anforderungen an den Organismus, Angriffe, die über ein bestimmtes Mass hinausgehen, auch Einschränkungen, die der Entwicklung eines Organs hinderlich sind, setzen in der Nachkommenschaft verderbliche Wirkungen. Die Schädigungen des Individuums: chronischer Hungerzustand, dauernd schlechte, unzweckmässige Ernährung, Ueberarbeit, ein Uebermass seelischer Aufregungen und Sorgen, frühzeitiger Arbeitsbeginn vor vollendeter Entwicklung, zittern in der Erbfolge nach. Sie erfassen in erster Linie das überanstrengte Organ, korrumpieren es und schaffen die schwachen Ernährungsorgane, Muskelschwäche, Nervenschwäche, Verminderung der geistigen Leistungsfähigkeit etc., indem sie den ungestörten Ausbau der Organe im Keime hemmen. Kommen im Leben die inneren und äusseren Krankheitsursachen dazu, Vergiftungen, Ansteckungskeime u. s. f., so kann die Beeinträchtigung einen Grad erreichen, der als Krankheit auffällt, wenn dies vorher noch nicht der Fall gewesen ist. Eine ungeheure Summe von Schädigungen, die fortgesetzt an den Organen ansetzen, fliesst aus der heutigen Kultur. Das Defizit guter, reiner Luft in der Stadt, in den Wohnräumen, in schlecht ventilierten, von Staub und Rauch erfüllten Arbeitsräumen ist als dauernder Angriff auf die *Atmungsorgane* der Bevölkerung und ihrer Nachkommen anzusehen. Die Ausrottung der Tuberkelbazillen, deren Hauptansiedlungsstätte die von Geburt aus schwachen Lungen sind, ist ein frommer Wunsch; die angeborene Minderwertigkeit der Atmungsorgane und ihrer zugehörigen Nerven-, Lymph- und Blutbahnen bestimmt den Ausbruch und Verlauf der Erkrankung. Die keimzüchtende Unreinlichkeit, die Mängel der Hygiene in Stadt und Land verstärken den Angriff und können den Schutz der *Haut* erheblich vermindern. Weitere Störungen erfolgen aus den gesteigerten Ansprüchen an die *Augen,* vor allem durch schlechte Beleuchtung, an *die Ohren,* durch die besonderen Ansprüche unserer Kultur an das Gehörsorgan und seine zugehörigen Anteile. *Herz und Gefässe* leiden durch anhaltende Sorgen, Ueberarbeit, mangelhafte Blutbildung, unzweckmässige Ernährung. Und alle diese Benach<!-- S. 430 -->teiligungen erfahren für die Nachfolge durch ausbrechende Krankheiten eine Steigerung, von denen manche, wie Tuberkulose, Lues, Vergiftungen durch Alkohol, Blei etc. den Keimstoff besonders schwer schädigen. Masslose Ueberanstrengung des Gehirns durch gesteigerte Anforderungen der Organe, durch Sorgen, dauernde Unbefriedigung, unerträgliches Missverhältnis zwischen Wunschleben und Wirklichkeit schaffen die Anlage zu *nervösen Erkrankungen,* die im Keime weitergegeben und durch erneute Angriffe der Innen- und Aussenwelt verstärkt werden können. Dazu die *Wechselbeziehungen* oft inniger Art zwischen einzelnen Organen und Organteilen, die Bestrebungen des Gesamtorganismus, durch Ersatz und Ersatzbildungen mit den äusseren Anforderungen ins Gleichgewicht zu kommen, und das häufige Scheitern an einem Zuviel oder Zuwenig. Die Erbfolge kann diese Ersatzbestrebungen aufnehmen und zu besserem oder schlechterem Ende weiterführen. Die Häufung der nervösen und geistigen Erkrankungen unserer Zeit zeigen mit grosser Deutlichkeit auf die Grösse der Widerstände, die sich einer harmonischen Verarbeitung der menschlichen Kultur durch den menschlichen Geist entgegenstellen. Vererbung von minderwertigen Gehirnanlagen, grössere Neigung zu Nervenkrankheiten sind Zeichen auf dem Wege zum Wachstum und Erstarken der Gehirne in der Nachkommenschaft. Die stärkeren Gehirne aber, freier vom Ballast des Aberglaubens und nicht mehr so sehr im Joche unbewusster Regungen, an den Schwierigkeiten des Lebens herangewachsen und im Kampfe gekräftigt, sind gleichzeitig Produkt und Schöpfer der fortschreitenden Entwicklung.

<!-- Ende des Beitrags; es folgt auf derselben Seite die Rubrik «Bücherschau» (nicht von Adler). Belassen: «ja nach der Zeit» (S. 427, für «je nach»), «nicht die gleichen sein brauchen», «Die Häufung … zeigen … auf», so im Druck. -->

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*Fuente:* transcripción a partir de *Der Kampf. Sozialdemokratische Monatsschrift* 1 (1907/08), H. 9 (1-6-1908), págs. 425-430, digitalizada en ANNO (Österreichische Nationalbibliothek); el OCR del portal se cotejó con las imágenes de las seis páginas. Ortografía original; el espaciado del original se da en cursiva. Los comentarios `S. n` marcan el comienzo de cada página impresa. Adler recogió el texto en *Heilen und Bilden* (1914), págs. 41-49.
