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Title: Leopold v. Schrötter gestorben
Description: Arbeiter-Zeitung (Wien), Nr. 112, 23. April 1908, S. 6. Nachruf, gez. „Dr. A. A—r.“
Author: Alfred Adler
URL: https://adler.school/archivo/adler/original/1908-04-23%20Leopold%20v.%20Schr%C3%B6tter%20gestorben
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<!-- S. 6 -->

# Leopold v. Schrötter gestorben.

In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch um halb 3 Uhr Früh starb Hofrat Professor *Schrötter* infolge einer rasch eintretenden Herzlähmung im Alter von 71 Jahren. Ein fröhliches Bankett, bei dem sich eine Reihe der bekanntesten Vertreter der Laryngologie gelegentlich des eben in Wien tagenden Kongresses in Schrötters Hause zusammengefunden hatte, war kaum verklungen, der letzte Toast Professor Heymanns, des ältesten Schülers Schrötters, galt noch dem greisen Lehrer. Die Festgäste entfernten sich und Schrötter ging zu Bett. Kurz darauf hörte sein Sohn ein verdächtiges Röcheln und fand den Vater im Sterben. Aerztliche Hilfe, die bald zur Hand war, blieb vergebens; ruhig und ohne Qualen verschied der Gelehrte, der nichts von Krankheit vorher an sich verspürt hatte.

Mit ihm sinkt ein ehrwürdiges Stück der Wiener medizinischen Schule dahin. War er gleich Epigone, so lebte in ihm noch die Tradition Rokitanskys und seines Lehrers Skoda, und er erwies sich stark genug, einen weiteren Ausbau der medizinischen Wissenschaft fertigzustellen, die Klinik der Kehlkopfkrankheiten. Hier war Schrötter schöpferisch aufgetreten und Technik, Diagnostik und Therapie hatte er teils neu geschaffen, teils hervorragend gefördert. Dabei kam ihm sein kluger Verstand, Scharfsinn und Mutterwitz sehr zu gute, eine künstlerische Neigung zur Ueberwindung technischer Schwierigkeiten leitete Auge und Hand, und so gingen seine Methoden und Instrumente bald in alle Welt und wurden Gemeingut der Laryngologie. Der gleiche Hang zu exakter Technik hielt ihn auch an *Skodas* Aufstellungen über Perkussion und Auskultation fest, so daß man ausführliche Vorführungen der Skodaschen Untersuchungsmethoden und ihre Besprechung in den letzten Jahrzehnten fast nur im Schrötterschen Hörsaal anzuhören bekam. So kam es, daß Schrötter mit großer Zähigkeit jenes Gebiet der inneren Krankheiten festhielt, dem sich schon Skoda mit ungeheurem Erfolg zugewendet hatte: der Erforschung und Erkennung der Krankheiten des Atmungs- und Blutkreislaufapparats.

Dabei mußte er mit Naturnotwendigkeit auf das ungeheure Krankheitsmaterial stoßen, das sich mit unheimlicher Kraft gegen die ärztliche Kunst zu verschließen schien: *die Tuberkulose der Lungen*. Die Kenntnis des Krankheitsprozesses, die wir *Rokitansky* und *Virchow* in erster Linie verdanken, *Kochs* Entdeckung des Krankheitserregers, des Tuberkelbazillus, schienen ohne Einfluß auf die Heilbestrebungen geblieben zu sein. Die Häufigkeit dieser Erkrankung in Wien — der Name morbus Viennensis hatte sich bereits eingebürgert — mußte diesen Mann mit seinem sinnenden, forschenden Verstand zu neuen Auswegen drängen. So kam er dazu, nachdem des Arztes *Brehmer* Versuche, mit Luft, Licht und reichlicher Nahrung der Tuberkulose beizukommen, aussichtsvoll schienen, den Plan zu einer Heilstättenbewegung im großen Stil zu entwerfen, als deren erste Frucht die Heilanstalt *Alland* zu Tage kam. Kräftiger als in Oesterreich griff diese Idee in anderen Ländern um sich, und Deutschland zum Beispiel verdankt der Initiative *Schrötters*, freilich auch der mächtigen Förderung durch die Alters- und Invaliditätsversicherung sein blühendes Heilstättenwesen. Ebenso zielbewußt wies Schrötter auf den Wert der klimatischen Behandlung hin und verhalf durch seine Propaganda einigen Kurorten zu bedeutendem Ansehen. Der Semmering, Abbazia, zuletzt die Insel Arbe erfreuten sich seiner besonderen Gönnerschaft. Es waren Fortschritte, wenn auch kein Sieg, und in den letzten Jahren, auf Kongressen und in einigen Veröffentlichungen machte die Schröttersche Schule einen entscheidenden Schritt vorwärts, indem sie *auf das dispositionelle Moment* schärfer hinwies. Von diesem Punkte aus führt ein sichtbarer Weg zur Betrachtung der elterlichen Gesundheitszustände, deren Störung die Keimverschlechterung nach sich zieht. Damit wird auch das soziale Moment in der Tuberkulosefrage voll zur Geltung kommen können.

Immer aber hielt es Schrötter fest an der Pflege der Laryngologie. Auf *Skodas* Klinik fand er Zeit und Gelegenheit, sich mit den Vorarbeiten des Laryngologen *Türk* vertraut zu machen. Und als er später die Lehrkanzel für Laryngologie übernahm, ging er mit Eifer und Erfolg an den wissenschaftlichen Ausbau seiner Disziplin. Seine technischen Fähigkeiten erwies er, indem er Mittel und Wege ersann, in die Luftwege geratene Fremdkörper mittelst des Kehlkopfspiegels aufzusuchen und mit Hilfe geeigneter Instrumente zu entfernen. Seine „Fremdkörpersammlung“, die gegenwärtig auf dem Kongreß der Laryngologen ausgestellt ist, gehört zu den bedeutendsten der Welt. Die Methoden zur Beobachtung von Bewegungen im inneren Kehlkopf bis tief zur Teilungsstelle der Luftröhre, zur Wahrnehmung der hinteren Kehlkopfwand — von *Kilian* ausgebildet —, sind von ihm erdacht worden. Daran schlossen sich Beobachtungen über innere Kehlkopfgeschwülste und Versuche über deren Entfernung auf natürlichem Wege vom Munde aus. Schrötter war der erste, der solche Operationen ausführte. Auf literarischem Gebiet glänzte er durch die Herausgabe seiner „Berichte aus der laryngologischen Klinik“ und der „Vorlesungen über die Krankheiten des Kehlkopfes und der Luftröhre“. 1887 untersuchte er als Konsiliarius den deutschen Kronprinzen Friedrich, stellte bei ihm ein Krebsleiden des Kehlkopfes fest und riet zur radikalen Operation.

Die literarischen Hauptleistungen auf dem Gebiet der inneren Medizin sind die ältere Abhandlung über „Herzerkrankungen“ und die neuere über „Gefäßkrankheiten“ in Nothnagels Handbuch, die sich wie alle Schriften Schrötters durch Klarheit, emsige Zusammenfassung und logische Schärfe auszeichnen.

Er war im Jahre 1837 als Sohn des Chemikers Anton Ritter v. Schrötter in Graz geboren, erlangte im Jahre 1861 die Doktorwürde, war Zögling bei Schuh, später Assistent bei Skoda und habilitierte sich im Jahre 1869. Nach *Türks* Tode übernahm er die erste Lehrkanzel für Laryngologie, vertrat nach *Oppolzers* Tode provisorisch dessen Klinik und wurde 1875 zum außerordentlichen Professor für Hals- und Brustkrankheiten ernannt. Einige Jahre leitete er die Abteilung für innere Krankheiten im Rudolfsspital, wurde 1881 zum Primarius im Allgemeinen Krankenhause ernannt und erhielt 1890 die Leitung der dritten internen Klinik. In dieses Jahr sollte sein Abschied fallen. Wie man es öfter beobachten kann, fielen auch bei ihm Abschied vom Beruf und vom Leben nahe zusammen.

Dr. A. A—r.

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*Fuente:* Arbeiter-Zeitung (Wien), Nr. 112, 23. April 1908, S. 6 (necrológica firmada «Dr. A. A—r.»). Transcripción a partir de la imagen de página de ANNO (Österreichische Nationalbibliothek, aze/19080423/6), con ayuda de un OCR Fraktur propio; todo el texto, las fechas y los nombres se han cotejado con la imagen. La firma impresa, verificada en la imagen, es «Dr. A. A—r.» (el OCR leía «vr. L—r.»): atribución a Adler verificada en el barrido de prensa de 2026. Ortografía original de 1908; la ſ larga se transcribe como s; el texto espaciado va en cursiva.
