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Title: Wie ernähren wir unsere Kinder?
Description: Arbeiter-Zeitung (Wien), Nr. 354, 28. Dezember 1902, S. 8 (I, „Winke eines Arztes“, gez. „Aladin“), und 30. Dezember 1902, S. 5-6 (II, „Von einem Arzte“).
Author: Alfred Adler («Aladin»)
URL: https://adler.school/archivo/adler/original/1902-12-28%20Wie%20ern%C3%A4hren%20wir%20unsere%20Kinder
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<!-- Arbeiter-Zeitung, Nr. 354, 28. Dezember 1902 -->

<!-- S. 8 -->

# Wie ernähren wir unsere Kinder?

*Winke eines Arztes.*

Wie heute allseits zugegeben wird, besteht die drohendste Gefahr für das Gedeihen des Kindes in der Armuth seiner Ernährer. Wie weit sich dies in dem großen Säuglingssterben äußert, soll hier nicht weiter ausgeführt werden. Es bleibt noch genug des Jammers und des Elends für die überlebenden Kleinen, und des Lebens goldene Jugendzeit setzt sich bei vielen Kindern aus einer Reihe von Entbehrungen und trübseligen Szenen zusammen, den Grundsteinen zu einem verpfuschten Dasein.

Auch das Problem der *Kindererziehung* erweist sich in allererster Linie, wie so viele andere Fragen der Volkshygiene, als ein soziales Problem. Eines seiner Kapitel, die Ernährung gesunder Kinder, zwingt uns, sowohl Quantität als Qualität der Nahrung, die Beschaffenheit der kindlichen Verdauungsorgane und deren Hilfsmittel, Zähne ꝛc., in Betracht zu ziehen. Ein Erfolg der Ernährung drückt sich am deutlichsten in regelmäßiger Gewichtszunahme aus.

Ganz besondere Bedeutung kommt im Leben des Kindes der *Milch* zu. Der Vorzug der Muttermilch gegenüber der Kuhmilch für den Säugling ist ein überaus großer. Nach der Säuglingsperiode bleibt Kuhmilch der werthvollste Bestandtheil der Kindernahrung. Abkochen der Milch schützt vor Ansteckung mit Krankheitskeimen, wie sie sich in roher Milch nicht selten finden. Die Ansteckungsstoffe von *Typhus, Scharlach, Tuberkulose*, Fäulniß- und Schmutzbakterien, die im kindlichen Darm leicht Verheerungen anrichten können, sind *durch Abkochen der Milch sicher zu beseitigen*. Die sogenannte „kuhwarme Milch“ erfreut sich mit Unrecht eines guten Rufes. Sie ist vielmehr der rohen Milch gleichzusetzen. Große, hygienisch eingerichtete Milchbetriebe sind schlecht behüteten Kleinbetrieben weitaus vorzuziehen. Die häufig anzutreffende Vorliebe für Milch, die immer von der gleichen Kuh genommen wird, ist vollständig unberechtigt, so lange man keine Gewähr besitzt, daß gerade diese eine Kuh gesund ist. In den meisten Fällen ist Mischmilch vorzuziehen. Auf gute Milch ist besonders zu achten. *Schlechte Milch* erkennt man an ihrem schleimigen und fadenziehenden Aussehen, an der rothen Färbung, der blauen Tüpfelung oder an dem bitteren, kratzigen Geschmack. Grelle Röthung von eingetauchtem blauen Lackmuspapier, vollständiges Ausbleiben der Blaufärbung von rothem Lackmuspapier verrathen deutlich die Verderbniß der Milch, desgleichen Gerinnen beim Kochen kurz nach Bezug der Milch. Derartige Nahrung muß stets zurückgewiesen werden, da sich ihre gesundheitsschädlichen Eigenschaften auch trotz des Kochens nicht verlieren. Für normalen Fettgehalt der Milch hat die Marktpolizei zu sorgen. Den meisten Kindern schlägt es ausgezeichnet an, wenn sie bis ins sechste oder achte Lebensjahr einen Liter Milch als Grundlage ihrer täglichen Ernährung beibehalten. Geschmacksverbesserungen können durch Zusatz von Cacao, etwas Kaffee, Thee oder eines der Malzkaffeesurrogate von Fall zu Fall angebracht erscheinen.

Etwa in der Mitte des zweiten Lebensjahres kann man dem Kinde etwas *Fleisch* zur Kost beigeben. Wie bei allen Kostneuerungen, soll man sich dabei eines schrittweisen Vorgehens befleißen, unter steter Kontrole, ob dem Kinde die neue Nahrung gut anschlägt. Gerade mit der Fleischkost kommt ja ein vollständig neues Element auf den Kindertisch, ein Nahrungsstoff, der selbst bei richtiger Bereitung größere Anforderungen an das kindliche Gebiß, an den kindlichen Magen und Darm stellt. Deshalb ist es nothwendig, dem Kinde das Fleisch gut gekocht, ungewürzt, frei von Adern, Sehnen, Knochensplittern und anfangs auch frei von sichtbarem Fett zu reichen, mit der wiederholten Aufforderung, gut zu kauen. Bei *Unpäßlichkeit*, wenn die Arbeitsleistung des Verdauungsapparats gleich der aller anderen Organe mangelhafter wird, empfiehlt es sich, die *Fleischkost* wie jede andere schwerer verdauliche Kost *auszusetzen* und sich auf Milch zu beschränken, bis der Arzt die entsprechenden Anordnungen getroffen hat. Ein weit verbreitetes Vorurtheil liegt in der Geringschätzung des gekochten *Suppenfleisches*. Dazu ist zu bemerken, daß dieses dem *gebratenen Fleisch an Nährwerth fast gleichkommt*, wegen seiner leichteren Verdaulichkeit aber für gewöhnlich den Vorzug verdient. Einen Unterschied zwischen weißem und dunklem Fleisch zu machen, ist nicht begründet. Der Genuß *rohen Fleisches* bietet keinerlei Vortheile, dagegen häufig besondere Nachtheile. Die Hauptgefahr bei Einverleibung rohen Fleisches besteht in der Infektion mit Würmern. An Verdaulichkeit ist es selbst in geschabtem Zustande dem gekochten, gehörig zerkleinerten Fleisch nicht überlegen, und nach einiger Zeit tritt fast regelmäßig Abneigung, selbst Ekel davor ein.

Statt des Fleisches kann in den späteren Kinderjahren, etwa vom dritten Jahre angefangen, zuweilen *Wurst* in den Speisezettel aufgenommen werden. Hat man bei Bezug von Fleisch schon sorgfältig auf gute Qualität und Frische zu achten, bei etwas verdächtigem Geruch oder mißfarbenem Aussehen — Rothfärbung ist meist unschuldiger Natur und rührt vom Liegen am Eise her — das Stück energisch zurückzuweisen und den weiteren Bezug aus solcher Einkaufsquelle einzustellen, so gilt dies in viel erhöhterem Maße von der Wurst. Besonders im Sommer ist dieses Nahrungsmittel großem Verderben ausgesetzt, weswegen das Verbot des Wurstgenusses während der heißen Zeit einen vollauf berechtigten Sinn hat. Neben Schinken wird man für Kinder besonders jene Wurstwaaren vorziehen, die vorwiegend Fleisch, wenig Fett, wenig oder gar keine Gewürze enthalten. Beim Bezug versichere man sich, daß man seine Waare aus einem untadelhaft reinen, renommirten Betrieb erhält. Schmutzigen, schwindelhaften, ausbeuterischen Betrieben gehe man vorsichtig aus dem Wege. Denn was auf dem *Gebiete der Wurstverfälschung* bereits geleistet wurde, das ist so schamlos und erbärmlich, daß es jede menschliche Phantasie übersteigt.

Unter den flüssigen Speisen spielt neben der Milch die *Fleischsuppe* eine wichtige Rolle. Ihr Nährwerth ist gering, beschränkt sich geradezu nur auf die in ihr enthaltenen Fettspuren. Etwas *nahrhafter* sind die sogenannten *falschen Suppen*. Dagegen sind die dem Fleisch entzogenen Salze sowie das der Suppe zugesetzte Kochsalz für den Aufbau und die Funktion des Organismus nahezu unentbehrlich. Leere Fleischbrühe, aus Fleisch und Knochen gewonnen, wird man mit Vortheil schon während der Säuglingsperiode reichen. Später gestaltet man die Suppe durch Zuthat von Mehl, Teig, Gries, Reis, Knochenmark, Eiern und ähnlichem nahrhafter. Von Wichtigkeit ist die *appetitanregende Wirkung der Suppe*. Dabei ist im Auge zu behalten, daß die Zuthat von Gewürzen zur Suppe oder zu anderen Speisen, insbesondere von Pfeffer, Paprika sowie die Beigabe von Zwiebel und Knoblauch, für die ersten Kinderjahre entschieden zu verwerfen ist, da sie einen ungehörigen Reiz auf Magen, Darm und Nieren ausüben.

Vom *Wassertrinken* ist zu sagen, daß man, falls gesundes Hochquellenwasser vorhanden ist, schon frühzeitig damit beginnen kann. Der Säugling wird am besten etwa vom vierten Monat an kurz vor dem Verlassen des Hauses einen *Schluck frischen Wassers* erhalten. Diese Gewohnheit, *vor dem Verlassen der Wohnung* Wasser zu trinken, soll bis spät ins Kindesalter hinein beibehalten werden, da es den *Rachen und die Mandeln abhärtet* und vor dem Austrocknen auf der Straße schützt. Dadurch ist ein gewisser Schutz gegen Halsinfektionen geschaffen. Bald nach der Säuglingszeit muß dem Kinde nach den festen Speisen etwas Wasser gereicht werden, später kann man ruhig dem Kinde ein Gläschen Wasser nach der Mahlzeit in die Hand geben, auch zwischen den Mahlzeiten, wenn es danach verlangt. Eine Einschränkung oder ein Verbot des Wassertrinkens ist nicht gerechtfertigt und steigert nur den Wunsch des Kindes nach Wasser. Ebenso ist das häufig anzutreffende Verbot des Wassers nach Obstgenuß oder nach Einnahme von sauren Speisen, Kaffee ꝛc. bei Vorhandensein von Hochquellenwasser unbegründet. Höchstens nach Genuß schwer verdaulichen Fettes, Gans- und anderen Thierfettes oder mit solchem Fette versetzten Fleisches möchte man vom Trinken kalten Wassers abrathen. Eine alte Streitfrage dreht sich um das Trinken *bei erhitztem Körper*. *Körperlich gesunde Kinder kann man ruhig trinken lassen*, nur Kinder mit verdächtigen Lungen hüte man vor Erhitzung und vor hastigem Trinken danach.

Kurz, aber eindringlich sei hier noch angefügt, *daß Alkohol in jeder Form die Kinder schädigt*, deshalb von ihnen fernzuhalten ist.

Als gutes, leider auf die Dauer unverträgliches Nahrungsmittel ist der flüssige *Honig* hier anzuführen, der sich zu zeitweiligem Gebrauch bei träger Verdauung und schwächlichen Kindern trefflich eignet.

Von allen Fettarten, die als konzentrirteste Nahrungsmittel gelten müssen, ist dem Kinde *Butter aus hygienisch geleiteten Betrieben am zuträglichsten* und kann zum Zwecke besserer Ernährung bald nach dem Säuglingsalter auf Semmel oder in Mehl- und Milchspeisen gereicht werden. Andere Fette sind besser erst vom zweiten Jahre an bei der Zubereitung von Speisen heranzuziehen. Ranzige Butter, ranziges Fett sind häufige Ursachen von Magenstörungen.

Ein ideales Nahrungsmittel besitzen wir in den *Hühnereiern*. Sie enthalten Eiweiß und Fett in ziemlich konzentrirter Form und sind roh oder weich gekocht leicht verträglich. Besonders das Eigelb, das man in kleinen Dosen, kaffeelöfelweise, schon im sechsten Monat verabreichen soll, ist wegen seines Eisengehaltes für die Blutbereitung von großer Wichtigkeit. Nicht selten kann man beobachten, wie blasse, schwächliche Kinder durch bloße Zuthat von einigem Eigelb zur Nahrung zu gutem Gedeihen kommen. Möglicherweise ist dabei das im Ei befindliche Lecithin von großer Bedeutung. Sicher aber ist, daß man ohne Zuthat von Eigelb nur schwer eine genügend eisenreiche Kost für das frühe Kindesalter zusammenstellen kann. So lange man aber des Kindes nicht sicher ist, hat die Mutter jedes Ei vorher zu kosten, ob es völlig unverdorben und frisch ist, was ganz besonders für die Wintermonate gilt.

Aehnliche Wichtigkeit kommt den *grünen Gemüsen* wegen ihres Eisengehaltes zu. Das leichtestverdauliche unter ihnen, den Spinat, soll man schon gegen Ende der Säuglingszeit, etwa im achten Monat, in kleiner Menge reichen. Für die erste Kinderzeit merke man: alle Gemüse reizen wegen ihrer beträchtlichen unverdaulichen Bestandtheile den Darm, sollen deshalb bis ins vierte Jahr als Purée oder in entsprechend zerkleinerter Form gegeben werden. Der Nährwerth der Gemüse ist meist sehr gering, kann aber durch Zugabe von Fett und Mehl entsprechend erhöht werden. Größer ist der *Nährwerth der Kartoffel* und der *Hülsenfrüchte*. Kommen diese ganz auf den Tisch, so müssen sie weich gekocht sein und vom Kinde gekaut werden.

In einem zweiten Artikel soll die Bedeutung der Stoffe für die Ernährung, die durch ihren Gehalt an Kohlehydraten auch nach der Säuglingsperiode erhöhten Werth haben, gewürdigt werden.

*Aladin.*[^a]

<!-- Arbeiter-Zeitung, 30. Dezember 1902 -->

<!-- S. 5 -->

## Wie ernähren wir unsere Kinder?

*Von einem Arzte.*

II.

Im ersten Artikel haben wir alle Nahrungsmittel Revue passiren lassen, die wegen ihres Eiweiß- und Fettgehaltes oder wegen ihrer speziellen Bedeutung für den Organismus von Wichtigkeit sind. Heute wollen wir uns den Stoffen zuwenden, die durch ihren Gehalt an Kohlehydraten besonders nach der Säuglingsperiode erhöhten Werth erlangen und diesen auch für Erwachsene bis ins höchste Alter bewahren. Die Repräsentanten dieser Gruppe sind *Zucker* und das durch den Organismus in *Zucker* zu verwandelnde *Mehl*.

Abgesehen vom *Zucker*, der uns als vorzügliches Nahrungsmittel schon vom ersten Tage des kindlichen Lebens an in der Milch, später gelegentlich im Honig entgegentritt, beginnt die Zeit für die kohlehydratreiche Kost am Ende der Säuglingsperiode. Hier setzen mit Fug und Recht *dünnere und dickere Breie* ein, Papperl aus Milch, allerlei Mehlen, Gries, geriebenem Zwieback, Semmel ꝛc. gekocht. Zur Erhöhung des Nährwerthes kann Zucker zugesetzt werden, nur ist dabei stets zu kontroliren, ob das Kind den Zucker nicht sattbekommt und seinetwegen die ganze Speise zurückweist.

In dem Maße, als das Kind Zähne bekommt, darf man es wagen, ihm festeres Gebäck in die Hand zu geben. Anfangs sind solche Sorten zu wählen, die leicht im Munde erweichen, wie Zwieback, Biscuit („Bischkoten“), später ein mürbes Kipfel, ein Stückchen Wecken oder Semmel. Jetzt ist es an der Zeit, das Kind *an richtiges Kauen zu gewöhnen*. Die Kinder lassen sich leicht dazu anleiten, wenn ihnen die Mutter das Kauen öfter vormacht, und werden die Gewohnheit guten Kauens auch weiterhin beibehalten. Die Gefahr, daß das Kind größere Bissen in den Rachen bekommt, muß wohl im Auge behalten werden, und anfangs darf festeres Gebäck nur unter Beaufsichtigung durch eine erwachsene Person verabreicht werden. Ereignet es sich dennoch, daß ein Bissen in den Rachen geräth, was sich durch Würgen des Kindes sofort kundgibt, so genügt fast immer ein leichter Schlag auf den Rücken des Kindes, um den Bissen aus dem Rachen herauszutreiben. In Fällen dringender Gefahr, wenn trotz des Schlages auf den Rücken, trotz Hustens und Würgens des Kindes die Erstickungsnoth deutlicher wird, muß die wartende Person ohne Zögern mit dem Zeigefinger in den Rachen tief genug eingehen, indem sie an den Bissen seitlich vorbeigleitet, und den Bissen mit gekrümmtem Zeigefinger herausholen, ein Akt dringendster Hilfeleistung, zu dem es bei sorgfältiger Wartung und Anleitung des Kindes zu gutem Kauen kaum je wird kommen müssen. Wächst das Kind heran, so bleibt gründliches Kauen auch weiterhin eine wichtige Forderung beim Essen. „*Gut gekaut ist halb verdaut*,“ sagt mit Recht das Sprichwort, und man muß hinzufügen, nicht nur der Verdauungsapparat bleibt dann von dem schädlichen Reiz großer, oft unverdaulicher Speisestücke verschont, sondern der ganze Nährwerth der Speisen kommt dem Organismus erst dann zugute, wenn das Essen gehörig verkleinert und eingespeichelt in den Magen gelangt. Hastig essende Kinder nehmen niemals recht zu und leiden ganz besonders häufig an Darmkatarrhen, was sich gerade im Sommer beim hastigen Obstschlucken deutlich geltend macht.

Freilich bedarf es zum guten Kauen neben dem guten Willen auch guter Zähne. *Die tägliche Reinigung der Zähne* mit Wasser und *weicher* Zahnbürste muß dem Kinde mit *eiserner Konsequenz* anerzogen werden, soll das Kind vor schadhaften Zähnen behütet werden. Eine recht *üble Unsitte*, die man noch hie und da bei Wartepersonen antrifft, ist die, daß sie den Akt des Kauens im eigenen Munde vollführen und die *vorgekaute Nahrung* dem Kinde beibringen. Es braucht kaum gesagt zu werden, daß dieser abscheuliche Brauch zum Schaden des Kindes ausschlagen muß. Die *Mundhöhle des Erwachsenen wimmelt von Bakterien*, die auf diese Weise dem Kinde zugeführt werden und hier erst ihre schädliche Wirkung entfalten können. Tuberkulose und Syphilis, aber auch Diphtheritis und Magendarmerkrankungen können auf diese Weise dem Kinde beigebracht werden. — Die Uebertragbarkeit der Krankheitskeime ist ja auch Ursache, weshalb man es *strengstens untersagen soll, Kinder auf* <!-- S. 6 --> *den Mund zu küssen*. Daß ein Kuß von Personen, die mit ansteckenden Krankheiten behaftet sind, auch wenn er auf Stirn oder Wange des Kindes applizirt wird, gesundheitsschädliche Folgen für das Kind haben kann, liegt auf der Hand.

Des Kauens bedarf das Kind in ganz besonderem Maße, sobald ihm härteres Gebäck, Brot oder gebackene Mehlspeisen gereicht werden. Derlei Nahrungsmittel wird man also nicht zu früh geben dürfen, gewohnheitsmäßig und in größeren Gaben erst im dritten Jahre. Bezüglich des *Schwarzbrotes* ist zu bedenken, daß es größere unverdauliche Rückstände bildet als Semmel, sowie daß es leichter zu Gährungen im Darmtrakt Anlaß gibt. Um die Mitte des zweiten Jahres wird man auch zu anfangs kleineren, später größeren Portionen *dickerer Milchspeisen* greifen können, weichgekochtem Milchreis, Milchnudeln ꝛc. Daran schließen sich Aufläufe und die ganze große Reihe der Mehlspeisen. Mit *Germspeisen* dagegen und mit besonders fetten oder harten Mehlspeisen *halte man zurück*, bis man sich vergewissert hat, daß der kindliche Magen gegen alle anderen Speisen genug widerstandsfähig ist, was zumeist am Ende des vierten Jahres zu sein pflegt. — *Heiße Bissen* schädigen die Zähne und den Magen, abgekühlt können fette Speisen nachträglich werden.

Bevor wir dieses Thema verlassen, sei noch eines *groben*, weitverbreiteten *Unfugs* gedacht, der das Gedeihen der Kinder vielfach beeinträchtigt. Fast allenthalben sieht man kleine Kinder nicht anders als mit einem Stück Brot oder Backwerk im Munde. Die fürsorgliche Mutter glaubt oft, nicht besser für ihr Kind sorgen zu können, *als wenn sie ihm bei jeder Gelegenheit etwas Eßbares zusteckt*. Solche Kinder verlieren über kurz oder lang den Appetit, und oft hat man Mühe, die Ernährung wieder ins richtige Geleise zu bringen. Wenn man ein sonst gesundes Kind bei mangelhaftem Appetit antrifft, kann man nahezu mit Sicherheit behaupten, *daß ihm außerhalb der regelmäßigen Mahlzeiten Gebäck zugesteckt wird*. Freilich ist dabei Mangel einer zureichenden Pflege fast ebenso oft schuld als die schlecht orientirte Mutter. Wenn das Kind allein bleiben soll, wenn es schreit, wenn es gefallen ist, wenn es das Haus verläßt, im Zimmer oder auf der Gasse, rasch wird ihm ein Stück Backwerk verabfolgt, und gar nicht selten verstaubtes, abgelagertes Zeug aus Greislerläden oder offenen Buden. Und das Kind merkt den Spaß, begehrt ständig danach, setzt sich aber mit Unlust zur Mahlzeit.

In Uebereinstimmung mit unseren Lebensgewohnheiten setzen wir am Ende der Säuglingszeit fünf Mahlzeiten fest, zwei größere und drei kleinere, in geeigneten Zwischenräumen. *Jede dieser Mahlzeiten soll zu festgesetzter Stunde stattfinden. Die Hände rein, die Nägel geputzt und — die Nase sauber*, so hat das Kind sich zur Mahlzeit zu setzen. *Zu Boden gefallene Eßwaaren sind zu entfernen*. Dadurch wird das Kind am sichersten angeleitet, später in unbewachten Momenten desgleichen zu thun. Die hygienische Bedeutung dieser Maßregel ist klar. Selbst bei der peinlichsten Reinlichkeitsliebe ist es unmöglich, Fußboden oder Teppich, von Hausflur und Straße ganz zu schweigen, von gesundheitsschädlichen Keimen frei zu halten. Abwischen derart verunreinigter Eßwaaren ändert an der Schädlichkeit nichts, sie sind und bleiben gesundheitsgefährlich und können im einzelnen Falle schweren Schaden anrichten. Dasselbe gilt von der Beschmutzung des im ganzen verwerflichen *Schnullers* („*Zuzel*“) des Säuglings, der neuerdings durch den geeigneteren Gummistopfen ersetzt wird. Es ist ein alltägliches Bild: der Zuzel entfällt dem Kinde, die Pflegerin hebt ihn auf, wischt ihn ein paarmal an ihrem Rocke ab und steckt ihn dem Kinde wieder in den Mund. *Dieser Unfug* ist so bedenklich, daß man ihn eigentlich *mit Strafandrohung bekämpfen* sollte.

Das gleiche Prinzip eines ausgeprägten *Reinlichkeitsgefühls* muß uns leiten, sobald das Kind zum *Obstgenuß* gelangt. Als Nahrungsmittel hat das Obst keinen großen Werth, es bietet dem Organismus an Nährmaterial bloß Zucker. Wichtiger ist sein Gehalt an Pflanzensäuren und Salzen, unter denen sich auch Eisensalze befinden. Seine Schmackhaftigkeit hängt von einem Gehalt von ätherischen Oelen ab. Mit Recht stehen die Obstarten wegen ihrer verdauungsbefördernden Wirkung in hohem Ansehen, und da sie zur Blutbereitung wegen ihres Eisengehaltes zum Aufbau der Organe durch andere Salze beitragen, empfiehlt es sich, schon frühzeitig, etwa vom achten Monat an, mit der Darreichung von Obst zu beginnen.

Freilich darf anfangs nur wenig gegeben werden, und dieses wenige in geschabter Form, als ausgepreßter Saft oder gekocht. Als Regel halte man fest, Obst erst am Schlusse der Mahlzeit zu reichen, nur ausnahmsweise zwischen den Mahlzeiten. Im späteren Kindesalter, wenn man das Zerkleinern des Obstes den Zähnen des Kindes überlassen kann, sorge man doch stets dafür, *daß Kerne und Fruchtgehäuse sicher entfernt werden*, da sie zuweilen großen Schaden stiften können. Natürlich muß das Obst frisch, reif, gut gereinigt und von unverdaulicher, harter Schale befreit sein. Die Hülle von Stachelbeeren oder Weintrauben soll von jüngeren Kindern ausgespuckt werden, da sie selbst bei größeren Kindern oder Erwachsenen zuweilen den Darm reizt und schädigt.

Der Gewohnheit kleiner Kinder, alle Gegenstände, deren sie habhaft werden, in den Mund zu führen, muß frühzeitig entgegengetreten werden. Keinesfalls gebe man dem Kinde verunreinigtes Spielzeug oder schmutzige Steine zum Spielen, da kaum zu verhüten ist, daß sie die so beschmutzten Hände zum Munde führen. Daher auch der besondere Nachdruck, der auf *regelmäßiges Händewaschen vor dem Essen gelegt werden muß*.

Bevor wir das Thema von der Prophylaxe der Ernährung im Kindesalter schließen, müssen wir der *Wurmkrankheiten* Erwähnung thun, die regelmäßig auf dem Nahrungswege zustande kommen und sich durch mehr oder minder große Beschwerden verrathen. In unseren Gegenden gelangen die Eingeweidewürmer in den menschlichen Darm, weil ihre Eier in der Nahrung verschluckt werden. Man kann sich also leicht vor dieser Ansteckung bewahren. Den Bandwurm kann man verhüten, wenn man in der Ernährung rohes Schweinefleisch und Speck, rohes oder halbgekochtes Rindfleisch, rohe oder schwach geräucherte Fische vermeidet. Die Eier der Spul- und Madenwürmer gelangen mit verunreinigtem Gemüse oder Obst in den menschlichen Darm und entwickeln sich dort. Kinder, die mit Madenwürmern behaftet sind, beherbergen im Schmutz ihrer Finger, besonders ihrer Fingernägel, Eier von Madenwürmern, mit denen sie sich und ihre Kameraden immer wieder von neuem anstecken. Gutes Kochen des Fleisches, sorgfältige Reinigung von Obst und Gemüse, Reinhalten der Hände und Fingernägel schützen mit Sicherheit vor Würmern.

Bei der planmäßigen Sorge für die Kinderernährung darf es an Abwechslung im Speiseprogramm nicht fehlen. Die große Zahl der Mehl- und Milchspeisen, Gemüse, Suppen und Obstgattungen gibt dazu genügende Handhabe.

Diesen und ähnlichen prophylaktischen Anordnungen stellen sich zwei große Hindernisse in den Weg. Das eine ist das Massenelend, durch das eine rationelle Ernährung der Kinder des Volkes unterbunden wird. Es fehlen entweder die Mittel, um die gehörige Nahrung anzuschaffen, oder die Sorgenlast und Arbeitsmühe des Tages bringt das Kind um die elterliche Pflege und Aufsicht. Aus den Reihen dieser Elendskinder finden viele nicht den Weg zu den höheren Altersstufen. Und die den Weg finden, tragen Wunden in der Seele und am Körper. Krankheit, Siechthum, vorzeitiges Alter, frühzeitiger Tod sind oft das Ende. Das zweite Hinderniß einer rationellen Kinderernährung sind die Unwissenheit und der Aberglaube. Die Grundanschauungen der Ernährungslehre sind gegen früher wesentlich geänderte. Die Erfahrungen einer einzelnen Mutter, und seien sie noch so unleugbar, sind viel zu gering, um für die gesammte Kinderernährung Geltung haben zu können. Das letzte Wort hat die Wissenschaft, die ja alle Erfahrungen vorurtheilslos prüft und die guten beibehält. Die Wissenschaft also muß angehört werden, sie muß sich aber auch hören lassen! Und wenn die Pflege und Heilung des kranken Kindes einzig und allein Aufgabe des sachkundigen Arztes sein kann, die Grundbegriffe von Leben und Daseinsbedingungen gesunder Kinder gehören ins Volk, gehören zu den wichtigsten Theilen der allgemeinen Volksbildung.

Davon ist leider noch wenig zu spüren. Der kapitalistische Staat versäumt, wie so oft, seine Pflicht und denkt nur gelegentlich an die heranwachsende Generation. Um so eifriger müssen wir, die in die Zukunft blicken, am Werke sein, um das Volk der Zukunft, unsere Kinder, an Geist und Körper gesund zu erhalten. Die Sorge für die Kinder, die Besserung ihres materiellen Schicksals, die Beseitigung der Unwissenheit und die Förderung der Volksbildung auf dem Gebiete der Kindererziehung ist eine der schweren Aufgaben der Sozialdemokratie, aber auch eine ihrer schärfsten Positionen. Folgende Tabelle, die in keiner Familie fehlen sollte, gibt annäherungsweise das Gewicht gesunder Kinder an. Die größeren Zahlen betreffen Knaben, die kleineren Mädchen. Nennenswerthe Abweichungen nach unten deuten stets auf mangelhaftes Gedeihen, dessen Ursache in mangelhafter Ernährung oder mangelhafter Gesundheit zu suchen ist.

| *Alter* | | *Durchschnittsgewicht* |
| --- | --- | --- |
| Ende des 1. Monats | . . . . . . | 3800 Gramm |
| „ „ 2. „ | . . . . . . | 4500 „ |
| „ „ 3. „ | . . . . . . | 5100 „ |
| „ „ 4. „ | . . . . . . | 5700 „ |
| „ „ 5. „ | . . . . . . | 6300 „ |
| „ „ 6. „ | . . . . . . | 7000 „ |
| „ „ 7. „ | . . . . . . | 7500 „ |
| „ „ 8. „ | . . . . . . | 7900 „ |
| „ „ 9. „ | . . . . . . | 8300 „ |
| „ „ 10. „ | . . . . . . | 8500 „ |
| „ „ 11. „ | . . . . . . | 8800 „ |
| „ „ 12. „ | . . . . . . | 9000 „ |

| *Alter* | | *Durchschnittsgewicht* |
| --- | --- | --- |
| Ende des 1. Jahres | . . . . . . | 8 bis 10 Kilogramm |
| „ „ 2. „ | . . . . . . | 10 „ 12 „ |
| „ „ 3. „ | . . . . . . | 11½ „ 13½ „ |
| „ „ 4. „ | . . . . . . | 13½ „ 15½ „ |
| „ „ 5. „ | . . . . . . | 15 „ 17 „ |
| „ „ 6. „ | . . . . . . | 16 „ 18 „ |
| „ „ 7. „ | . . . . . . | 18 „ 20 „ |
| „ „ 8. „ | . . . . . . | 20½ „ 22½ „ |
| „ „ 9. „ | . . . . . . | 22½ „ 24½ „ |
| „ „ 10. „ | . . . . . . | 24½ „ 26½ „ |
| „ „ 11. „ | . . . . . . | 27 „ 29 „ |
| „ „ 12. „ | . . . . . . | 29½ „ 31½ „ |
| „ „ 13. „ | . . . . . . | 32 „ 34 „ |
| „ „ 14. „ | . . . . . . | 36 „ 38 „ |
| „ „ 15. „ | . . . . . . | 40 „ 42 „ |

<!-- Fin de la segunda parte (sin firma); sigue en la página «Die Hofaffairen». -->

[^a]: Sobre la atribución: «Aladin» es un seudónimo, y ninguna de estas piezas lleva el nombre de Adler. La atribución la propuso Reinhard Schiferer (1995) y la han aceptado las ediciones de referencia: el tomo 7 de la *Alfred Adler Studienausgabe* recoge «Das empfohlene Treiberlein» (1897) como su texto más temprano conocido, junto con «Eine Lehrkanzel für soziale Medizin» (*Ärztliche Standeszeitung*, 1902, también firmado «Aladin»), que figura asimismo en las *Collected Clinical Works*. Habla también a favor la afinidad de los temas con lo que Adler firmaba con su nombre en esos años: medicina social, alimentación obrera, mortalidad infantil y crítica de la medicina de beneficencia. No conocemos, en cambio, ninguna prueba documental (una carta, un registro de colaboradores de la redacción) que la confirme; por eso se acepta aquí con reserva.

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*Fuente:* Arbeiter-Zeitung (Wien), Nr. 354, 28. Dezember 1902, S. 8 (I: «Winke eines Arztes», firmado «Aladin»), y 30. Dezember 1902, S. 5-6 (II: «Von einem Arzte», sin firma; continuación anunciada al final de la parte I). Transcripción a partir de las imágenes de página de ANNO (Österreichische Nationalbibliothek, aze/19021228/8, aze/19021230/5-6), con ayuda de un OCR Fraktur propio; todo el texto, las cifras y las tablas se han cotejado con la imagen. La fecha «20.12.» de la Studienausgabe, Bd. 7, es errónea. Ortografía original de 1902; la ſ larga se transcribe como s; el texto espaciado va en cursiva. Atribución del seudónimo «Aladin» a Adler según R. Schiferer (1995).
