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Title: Egoismus als seelische Krankheit
Description: Sächsische Dorfzeitung und Elbgaupresse (Dresden), 8. November 1929, S. 26. »Dr. Alfred Adler in einem Interview«; Interview in einer Berliner Hotelhalle, Journalist ungenannt, mit zwei Einschüben der Redaktion.
Author: Alfred Adler
URL: https://adler.school/archivo/adler/entrevistas/original/1929-11-08%20Egoismus%20als%20seelische%20Krankheit
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<!-- S. 26 -->

# Egoismus als seelische Krankheit

*Dr. Alfred Adler* in einem Interview,

Betrieb in einer Berliner Hotelhalle... Ich lasse mich bei Dr. Adler anmelden und werde hinaufgefahren... Ein kleiner, etwas beleibter Herr mittleren Alters erhebt sich... „Also wie ich unserem Telephongespräch entnommen habe, wollen Sie etwas von mir für Ihre Zeitung wissen...“ Und bald kommt Dr. Adler auf das Thema zu sprechen, das ihm am nächsten liegt. „Es existieren neben der Psycho-Analyse mehrere Schulen. Unsere ist die jüngste. Im Jahr 1907 erschien das erste Buch über die Minderwertigkeitskomplexe, die unsere Hauptstudienobjekte sind.

Unsere Arbeit beginnt im Kindesalter. Es gibt da drei verschiedne Typen: Die Kinder, die ganz besonders von den Erziehern verzärtelt werden, solche, die körperlich schwächlich und etwas zurückgeblieben sind, und gehaßte, verachtete und verschlagene Kinder. Diese wachsen natürlich unter einem ganz anderen seelischen Verhältnis zu ihrer Umgebung auf als das normale Kind. Das wirkt sich auch im späteren Leben durch den sog. Inferior-Komplex aus, und in dieser Erkenntnis liegt der Unterschied zwischen der Psychoanalyse und der von mir vertretenen Ansicht. In den letzten 15 Jahren hat sich jedoch viel Gemeinsames zwischen uns und der Psychoanalyse gezeigt, da auch die Psychoanalytiker den Grund aller seelischen Störungen in dem Druck, der auf die Kinderseele ausgeübt wird, suchen. Man darf nicht vergessen: Mit 14 bis 15 Jahren stellt der Mensch eine geschlossene Einheit dar. Bei den Typen, die ich vorhin nannte, fehlt das Gemeinschaftlichkeitsgefühl. Es ist damit ein Egoismus, ein Nur-an-sich-selbst-Denken entstanden. Bei der Lösung von Lebensproblemen zeigen sich Schwierigkeiten. Der Betreffende kommt durch seinen mangelnden Zusammenhang mit der Außenwelt nicht von der Vorstellung eigener Unzulänglichkeit los. Wird auf diese Vorgänge in der Kindheit nicht geachtet, so entstehen bei den dazu neigenden Menschen im späteren Leben Neurose, Psychose, Onanie, Perversität, Trunkenheit, — eben alle asozialen Eigenschaften bis zum Verbrechertum. Gelingt es, dem psychisch Erkrankten klar zu machen, daß sein Minderwertigkeitskomplex ihn zwingt, ein falsches Ziel zu verfolgen, daß es nicht notwendig ist, sich auf dieser Basis Geltung zu verschaffen, so kann man mit ziemlicher Sicherheit auf die Lösung dieses seelischen Kampfes rechnen. Es ist eine reine Individual-Psychologie, die wir treiben.“

„Haben Sie mit Ihrer Erziehungsmethode Anschluß gefunden an Schulen und Universitäten?“

„Ja, ich kann wohl sagen, daß der weitaus größte Teil aller deutschen und englischen Schulen heute schon nach meiner Erziehungsmethode handelt. (?) Es ist natürlich notwendig, daß die Erzieher zu Haus und in der Schule Hand in Hand arbeiten.“

„Wie sehen Sie den Typ unserer Zeit?“

„Es fehlt den meisten Menschen an innerer Offensive. Der richtige, vollwertige Mensch packt zu, arbeitet und setzt sich durch. Der Mensch, dessen Seele vom Minderwertigkeitsgefühl belastet ist, hat die Neigung, den Sinn alles Lebens anzuzweifeln, abzuwarten, was ihm in den Schoß fällt. (Der Fall dürfte in den Nachkriegsjahren denn doch noch etwas anders liegen. Red.) Man darf nicht ewig daran denken: Wie wirke ich, wie empfinde ich? Das ist das Problem, das so viel Ehen zerstört, wo nicht der Versuch gemacht wird, den anderen Partner zu begreifen (der Versuch wird gemacht, führt aber leider sehr oft zu negativen Resultaten. Red.), nur das Verständnis verlangt wird für das eigene Ich. Daran krankt unsere Kulturwelt... Bei diesen Menschen gilt es, ihnen klarzumachen, daß der wirkliche Sinn des Lebens in dem Sinn für die Umwelt liegt.“

„Sie sind im Begriff, jetzt nach Amerika zu fahren?“

„Ja, ich will an der „Columbia University“ Vorlesungen halten; etwa bis Mitte Mai. Ich habe Anhänger für unsere Lehre in Amerika, wo man diesen Dingen ein ganz besonderes Interesse entgegenbringt, wie der Amerikaner ja überhaupt einen stark ausgeprägten Sinn für das aktuell Notwendige hat.“

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*Fuente:* »Egoismus als seelische Krankheit. Dr. Alfred Adler in einem Interview«, *Sächsische Dorfzeitung und Elbgaupresse* (mit Loschwitzer Anzeiger; Dresden), 8. November 1929, S. 26, sin firma. Transcripción de todo el artículo (también lo que escribe el periodista y los dos incisos de la redacción, «Red.») hecha sobre la imagen de la página digitalizada por la SLUB Dresden (Deutsches Zeitungsportal, DDB-ID 23FJ4JQTI64NKNY7LHNL7Z7OZWXVV3MV), con apoyo del OCR del portal y de un OCR Tesseract Fraktur propio (el texto va en dos bloques de columna, partidos por fotografías); todo el texto se ha cotejado con la imagen. El impreso dice «aumelden» (errata por «anmelden», que se corrige); en «hinaufgefahren» la f y la ſ no se distinguen en la imagen y se lee según el sentido; se conservan «verschiedne», «Inferior-Komplex» y «Gemeinschaftlichkeitsgefühl» (que se conservan). El signo «(?)» es del impreso, probablemente de la redacción. Ortografía original; el espaciado del nombre de Adler va en cursiva.
