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Title: Erziehung als Heilmittel. Der Wiener Psychiater Dr. Adler über seine Erlebnisse in Amerika
Description: Neues Wiener Journal, Nr. 12.772, Donnerstag, 13. Juni 1929, S. 6-7. »Originalbericht des ›Neuen Wiener Journals‹«: Gespräch eines ungenannten Mitarbeiters mit Alfred Adler nach seiner Rückkehr aus New York.
Author: Alfred Adler
URL: https://adler.school/archivo/adler/entrevistas/original/1929-06-13%20Erziehung%20als%20Heilmittel
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# Erziehung als Heilmittel.

## Der Wiener Psychiater Dr. Adler über seine Erlebnisse in Amerika.

Originalbericht des „Neuen Wiener Journals“.

Der bekannte Wiener Psychiater und Begründer der Individualpsychologie Dr. Alfred *Adler*, der auch in diesem Jahre mehrere Monate in New-York geweilt hat, um dort eine eigens für ihn ins Leben gerufene Klinik zu leiten, ist seit einigen Tagen wieder in Wien. Bekanntlich haben die Methoden Dr. Adlers in den psychiatrischen Kreisen Amerikas seit Jahren schon tiefe Wurzel gefaßt. Die Klinik, die hauptsächlich zu heilpädagogischen Zwecken für Kinder errichtet wurde, wird ausschließlich durch private Organisationen finanziert und wird während der Abwesenheit Dr. Adlers von New-York durch einen seiner Schüler geleitet werden.

Dr. Adler machte gestern einem unserer Mitarbeiter über seine Tätigkeit in Amerika während der letzten vier Monate interessante Mitteilungen: „Daß die Individualpsychologie in Amerika einen so zahlreichen Anhängerkreis erringen konnte, ist wohl in erster Reihe darauf zurückzuführen, daß man jenseits des großen Wassers für alle Methoden, die geeignet sind, der Welt durch Psychologie auf die Beine zu helfen, ein ungeheures Interesse hat. Alles, was an der menschlichen Seele fehlerhaft ist, will man in Amerika durch rationelle Verfahren verbessern. Ob Wahnsinn, Trunksucht, Ehewirrwarr oder Neigung zum Verbrechen — das alles will man durch erzieherischen Einfluß in die Bahnen des Normalen lenken. Ob Philosophie, Psychologie oder Psychiatrie, dem Amerikaner gilt nur der Zweck, und der besteht in diesem Falle für ihn in der Heilung des Menschengeschlechts. Der durch mich begründete Zweig der Heilpädagogik wird in New-York in dem Dienst der Wiederaufrichtung jener seelisch entarteten Kinder verwendet, die durch falsche Erziehung in einen seelischen Zustand versetzt worden sind, der für das Laienauge, ja manchmal auch für den Blick des Arztes von einer schweren Erkrankung des Nervensystems kaum zu unterscheiden ist.

Ich habe während meiner jetzt eben zurückgelegten Tätigkeit in New-York vierundzwanzig Schulfälle behandelt. Unter den Jugendlichen, deren seelische Korrektur vorzunehmen war, befanden sich alle Arten von seelischen Verirrten. Diebe, Durchbrenner und was es eben sonst noch für geistige Defekte bei halbwüchsigen Menschen geben kann. Am interessantesten war vielleicht folgender Fall: Vorgeführt wurde ein sechzehnjähriger Bursche, der zu jeglicher Arbeit untauglich schien. Er konnte kein Glas in der Hand halten, ließ es vielmehr sofort, nachdem man es ihm gereicht hatte, wieder fallen. Auch war er vollkommen unfähig, mit der Hand zu schreiben. Versuche, ihn zur Anfertigung eines mit Tinte oder Bleistift geschriebenen Manuskriptes anzuregen, endeten mit einem vollständig unleserlichen Gekritzel. Die Möglichkeit, vorhandene Hemmungen auf individualpsychologischem Weg zu beseitigen, schien mir zunächst nicht gegeben. Ich selbst schloß von Anfang auf eine schwere nervöse

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Erkrankung und hatte wenig Hoffnung, dem Fall auf meine Art beizukommen.

Bald jedoch erkannte ich, daß es sich um die Folgen einer verfehlten Erziehung handelte. Eine vielleicht von Natur aus vorhandene Ueberempfindlichkeit des Burschen wurde durch die Erziehung im Elternhause und in der Schule zu jenen Erscheinungen gesteigert, die nach außenhin ein vollendetes pathologisches Bild ergaben. In verhältnismäßig kurzer Zeit gelang es, jene seelischen Faktoren, die in dem Burschen zusammenwirkten, auseinanderzulegen und ihm seine Fähigkeit zu körperlicher Leistung klar zu machen. Es schien durchaus nicht unverständlich, wenn er nicht schreiben konnte, da ihn sein Lehrer unausgesetzt dem Spotte der Mitschüler preisgab, so daß sich in ihm der Gedanke festsetzte, die Ursache seines Schreibunvermögens sei in seiner körperlichen Veranlagung zu erblicken. Auf diese Weise entschuldigte er seine schlechte Schrift vor sich selbst.

Als ich soweit war, um den Jungen meinem direkten Einfluß unterstellen zu können, unternahm ich den ersten Versuch. Ich reichte ihm ein Glas Wasser mit dem Auftrag, es sofort wieder fallen zu lassen. Der Effekt war, daß er es fest in der Hand behielt. Der Wille zur natürlichen Beherrschung seiner körperlichen Kraft war in ihm erwacht. Kurze Zeit darauf gelangen auch die ersten Schreibversuche. Als ich wegfuhr war die Schrift des Burschen vollkommen leserlich und brauchbar geword[en].“

<!-- Fin de la pieza. En la pág. 6 la preceden el telegrama de pésame de la emperatriz Zita por la muerte del conde Julius Andrássy y otras noticias; en la pág. 7 la sigue «Berlin bejubelt König Fuad»; no se transcriben. -->

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*Fuente:* »Erziehung als Heilmittel. Der Wiener Psychiater Dr. Adler über seine Erlebnisse in Amerika. Originalbericht des ›Neuen Wiener Journals‹«, *Neues Wiener Journal*, Nr. 12.772, 13. Juni 1929, S. 6 (cuarta columna, abajo) y S. 7 (primera columna, arriba). Transcripción hecha sobre las imágenes de las páginas en ANNO (Österreichische Nationalbibliothek, ANNO_nwj19290613, Bild 6 y 7), con apoyo del OCR de la ÖNB y de un OCR Tesseract Fraktur propio, corregidos contra la imagen. Ortografía original de 1929 («Ueberempfindlichkeit», «New-York»); el espaciado (*Sperrdruck*) se da en cursiva. La última palabra está dañada en el impreso («geword…»). Periodista sin firma.
