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Title: Die Alkoholgegner beraten
Description: Arbeiter-Zeitung, Wien, Nr. 322, Sonntag, 22. November 1931, S. 7. Bericht, gezeichnet «Dr. P. St.», über den ersten Verhandlungstag des Siebenten österreichischen Alkoholgegnertages im Billroth-Haus in Wien (21. November 1931): Begrüßungsansprachen (Scherer, Tandler, Rudel-Zeynik, Hölzl), Vorträge von Delbrück und Bleuler, Vortrag Alfred Adlers über die seelischen Voraussetzungen der Trunksucht, Referat Druckers über die kommunale Trinkerfürsorge in Berlin.
Author: Dr. P. St.
URL: https://adler.school/archivo/adler/cronicas/original/1931-11-22%20Die%20Alkoholgegner%20beraten
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<!-- S. 7 -->

# Die Alkoholgegner beraten

Im Billroth-Haus wurde gestern der siebente österreichische Alkoholgegnertag eröffnet. Er war von einem vorbereitenden Ausschuß einberufen worden, dem der Hygieniker Professor *Reichel*, Chefarzt Dr. *Kurz* als Vertreter des Arbeiterabstinentenbundes und der Leiter der Trinkerheilstätte der Gemeinde Wien, Primarius Dr. *Gabriel*, angehörten. Altbundespräsident Dr. *Hainisch* leitete den ersten Verhandlungstag. Es wurde zunächst eine Reihe von Begrüßungsansprachen gehalten: Sektionschef Dr. *Scherer* sprach namens des Ministeriums für soziale Verwaltung. Er hatte keine irgendwie nennenswerten Leistungen des Bundes in der Alkoholbekämpfung aufzuzählen und hatte den Alkoholgegnern auch keine irgendwie erfreulichen Pläne mitzuteilen. Dagegen wünschte er der Tagung, für die sich die Regierung natürlich *interessiert*, den besten Erfolg.

Als Professor *Tandler* dann namens des Bürgermeisters und der Stadt Wien sprach, war das schon keine leere Begrüßungsansprache mehr. Tandler wies kurz auf die Gründung der Trinkerheilstätte und der Trinkerfürsorge der Stadt Wien hin, die gewiß nur ein Anfang sein dürfe, wenn sie auch schon wertvolle Dienste in der Bekämpfung des Alkoholismus leistet. Die eigentliche Alkoholbekämpfung müßte von der *Gesetzgebung* ausgehen. Auf die Dauer kann ja ein Volk mit dem Alkoholismus nicht leben. Wenn man nur bedenkt, wieviel Geld für den Import alkoholischer Getränke ins Ausland geht, dann weiß man, daß wir uns um dieses Geld schon manche Anleihe im Ausland hätten ersparen können. Soweit die Gesetzgebung Landessache ist, wird Wien das Seinige tun. Ein *Trinkerfürsorgegesetz*, das auf dieser Tagung beraten werden soll, wird aller Voraussicht nach im Wiener Landtag eingebracht werden und Gesetzeskraft erlangen.

Nun hörte man wieder eine Rednerin der *Christlichsozialen*, Frau Bundesrätin *Rudel-Zeynik*. Sie sprach nicht davon, daß die bürgerlichen Parteien die Absicht hätten, je das verderbenbringende Alkoholkapital zu bekämpfen oder irgendein größeres Gesetzwerk gegen den Alkoholismus zu schaffen. Aber sie erklärte, die bürgerlichen Parteien hätten etwas gemacht — nämlich jenes Gesetz, das den Alkoholausschank für Jugendliche verbietet. Darauf antwortete *Hölzl*, der namens des Verbandes der sozialdemokratischen Abgeordneten sprach: Als das erwähnte Gesetz geschaffen wurde, konnten es die Sozialdemokraten nicht einmal durchsetzen, daß der Wirkungskreis des Alkoholverbotes auf die Jugendlichen bis zum achtzehnten Lebensjahr ausgedehnt werde! Es blieb bei dem Schankverbot nur für die Jugend unter sechzehn Jahren! Was aber sonst die bürgerliche Regierung für die Alkoholbekämpfung geleistet hat, sieht man ja daraus, daß sie in ihr Budget zuerst 30.000 Schilling, dann 25.000 Schilling Subvention für Alkoholbekämpfung aufgenommen hat, aber auch diesen lächerlichen Betrag hat sie jetzt aus dem Budget *gestrichen*!

Der Kongreß trat dann in seine eigentlichen Verhandlungen ein. Zuerst sprach Professor *Delbrück* aus Bremen über „Alltagspsychologie aus dem Anstaltsleben und das Alkoholverbot in der Irrenanstalt". Dann schilderte Professor *Bleuler* aus Zürich die *Psychologie des Trinkers*. Bleuler, einer der bedeutendsten und erfahrensten lebenden Nervenärzte, der Nachfolger Forels, sprach vor allem gegen die „Mäßigen" im Trinken: Wenn es nur Alkoholiker und Abstinenten gäbe, wäre man mit der Alkoholfrage bald fertig. Die *Mäßigen* erschweren uns den Kampf so sehr. Sie erst ermöglichen es, daß das Trinken, der Alkohol überhaupt etwas *gelten darf*, sie erst schaffen die *Alkoholsuggestion*, die die Auswüchse des Trinkens entschuldbar und irgendwie verständlich erscheinen lassen, so daß sogar die Roheitsexzesse angeheiterter Menschen nicht wie sonst mit Entrüstung, sondern sogar mit Heiterkeit aufgenommen werden, weil sie von dem „Freudenspender" Alkohol herrühren.

Vom Standpunkt der *Individualpsychologie* suchte dann Dr. Alfred *Adler* die *seelischen Voraussetzungen* für die Trunksucht darzustellen. Er glaubt, bei den Trinkern vorwiegend Menschen gefunden zu haben, die durch eine falsche Erziehung den Anschluß an die Gemeinschaft nicht gefunden haben, und nun entmutigte, dabei aber besonders empfindliche und zugleich ungeduldige, erfolggierige Menschen seien. Ihre *Schwäche* führt sie zum Alkohol.

Nach Adlers Meinung ist das Schwergewicht der Alkoholbekämpfung auf die *Schule* zu verlegen. Die Lehrer müssen gewonnen werden, um die *Kinder gegen den Alkohol zu schulen*, was besonders unter Hinweis darauf geschehen soll, daß sie den Kindern zeigen, wie doch in der Regel die Lebensfeigheit und Entmutigung der Menschen die Trinksitten herbeiführt.

In der Nachmittagssitzung schilderte Stadtarzt Dr. *Drucker* die Grundsätze und die Organisation der *kommunalen Trinkerfürsorge* in Berlin und einigen andern deutschen Städten. In Berlin wird dieser Fürsorgezweig von einer eigenen Abteilung der Gesundheitsverwaltung geleitet und von achtzehn Trinkerfürsorgestellen durchgeführt. Berlin besitzt aber noch keine Trinkerheilstätte, wie sie in Wien geschaffen worden ist. Stadtarzt Drucker gelang es, zu beweisen, daß die vorbeugende Fürsorge für die *Alkoholgefährdeten* die Kosten für *Alkoholopfer* so stark vermindern kann, daß das finanzielle Ergebnis dieser Fürsorge eine *Ersparnis* für das Wohlfahrtsbudget der Städte bedeutet.

Dr. P. St.

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*Fuente:* «Die Alkoholgegner beraten», *Arbeiter-Zeitung. Zentralorgan der Sozialdemokratie Deutschösterreichs*, Viena, n.º 322, domingo 22 de noviembre de 1931, p. 7, cols. 3-4; firmado «Dr. P. St.». Transcripción hecha sobre la imagen de la página en ANNO, Österreichische Nationalbibliothek (ANNO_aze19311122, imagen 7), cotejada con el OCR de la ÖNB y con un OCR de Fraktur propio, ambos defectuosos («Druder» por «Drucker», etc.). El espaciado del original se da en cursiva. Se transcribe la crónica entera, que reseña la primera jornada del congreso; la intervención de Adler ocupa los párrafos sexto y séptimo. Se omiten los artículos vecinos de la página.
