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Title: Alfred Adler spricht in Berlin.
Description: Vorwärts (Berlin), 10. Februar 1931, S. 3. Bericht, gezeichnet „O. S.“, über den Vortrag „Der seelische Aufbau des Ich“, den Alfred Adler im Berliner Zentralinstitut für Erziehung und Unterricht im Rahmen der Vortragsreihe „Individualpsychologische Erziehungsarbeit“ hielt (Anfang Februar 1931); Individualpsychologie als Psychologie der Stellungnahme, schöpferische Kraft, Streben nach Sicherheit und Ueberlegenheit, Meinung und Ziel, Erziehung.
Author: O. S.
URL: https://adler.school/archivo/adler/cronicas/original/1931-02-10%20Alfred%20Adler%20spricht%20in%20Berlin
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# Alfred Adler spricht in Berlin.

Der Begründer der individualpsychologischen Wissenschaft, Dr. Alfred *Adler*, sprach im Berliner Zentralinstitut für Erziehung und Unterricht im Rahmen einer Vortragsreihe (individualpsychologische Erziehungsarbeit) über den seelischen Aufbau des Ich, indem er zunächst das Wesen der Individualpsychologie als einer *Psychologie der Stellungnahme* umriß. Das soll heißen, daß diese Wissenschaft den Menschen nicht bloß vom Gesichtspunkte der Vererbung, auch nicht von dem der Milieu-Theorie aus zu erfassen und zu verstehen sucht, sondern von der Art der Haltung des Individuums, der Stellungnahme zum Ablauf des Lebensprozesses. Diese Haltung stammt aus der Erkenntnis, daß nicht nur die Umstände den Menschen, sondern auch der Mensch die Umstände zu formen imstande ist, eine Erkenntnis, die wir schon bei Pestalozzi finden; daß ferner Menschen in der gleichen Umgebung, von derselben Abkunft, ja, unter denselben erzieherischen Einflüssen sich auf verschiedenste Weise gestalten und formen. Es bleibt also, folgert Adler, kein anderer Weg als der Appell an die schöpferische Kraft des Individuums. Damit ist die Erziehung auf den Thron gesetzt.

Der Mensch ist, nach Adlers Lehre, gar nicht imstande, die wirklichen Tatsachen, also das Ding an sich zu erfassen, sondern nur Eindrücke davon, die Beziehungen der Dinge untereinander. Unsere Urteile und Handlungen werden immer davon abhängen, welche Meinung wir von den Dingen des Lebens haben und welche Stellung wir demgemäß diesen Dingen gegenüber beziehen. Hier hat die Individualpsychologie eingesetzt, die das ganze Problem der Anpassung des Menschen an das Leben als eine Ueberwindung von Schwierigkeiten, Lösung von Lebensaufgaben ansieht. Der Mensch befindet sich vom Augenblick seiner Geburt an in einem Reich der Unsicherheit, ein Zustand absoluter Ruhe und Sicherheit ist in unserem Leben nicht zu finden, daher ist unser Leben ein immerwährendes Streben nach dieser Sicherheit, nach Ueberlegenheit, nach Vollendung, nach einer idealen Endform. Alle organischen Lebewesen zeigen in ihrer Entwicklung dieselbe Bewegung. Bei Wunden an einem Körper ist eine Kraft am Werke, die Vollendung wiederherzustellen. Alle diese Bestrebungen sind gedacht, von der Meinung des Menschen abhängig, *das ganze menschliche Leben ein Versuch, die Zukunft zu erraten.* In dem Chaos des Lebens, das das Kind betritt, gibt es keine andere Möglichkeit als die des Erratens. Dieses Erraten finden wir auch in unserer Zielsetzung: wenn wir eine Situation suchen, in der wir Sicherheit haben. Das Ziel ist maßgebend für den Aufbau der Lebensform. Dieser Aufbau ist als ein Kunstwerk anzusehen, in dem jeder einzelne Teil dem Gesamtaufbau entspricht. Jeder Mensch aber ist nun, so sagt Adler, von einer Meinung geleitet. Niemand ist Herr über die Meinung. Was immer geschieht, immer wird es der Mensch von seinem Bewußtsystem aus betrachten. Anormale, wie z. B. Selbstmörder oder Verbrecher, weichen dem normalen Weg zur Ueberlegenheit aus, sie suchen ihre Ueberlegenheit darin, daß sie es gar nicht auf die Entscheidung ankommen lassen. Es gibt aber offenbar Meinungen, die man widerlegen kann, weil sie sichtbar den Tatsachen widersprechen. Damit wird die Erziehung zu einer wesentlichen und bedeutungsvollen Angelegenheit. Die Individualpsychologie stellt sich daher zunächst die Aufgabe, in den zahllosen Varianten die harmonische Einheit des Individuums zu erkennen und von da an zur Hilfe zu schreiten.

O. S.

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*Fuente:* „Alfred Adler spricht in Berlin.“, *Vorwärts* (Berlin), Dienstag, 10. Februar 1931, S. 3, gezeichnet „O. S.“. Transkribiert nach dem Seitenbild der Deutschen Digitalen Bibliothek (Zeitungsportal), verglichen mit den beiden vorhandenen OCR-Fassungen (Portal-Volltext und Fraktur-OCR); gesperrter Satz als Kursive. Der ganze Bericht ist lesbar. „sind gedacht“ (wohl für „sind, gesagt,“ o. ä.) steht so im Druck. Nur der Bericht über Adler wird wiedergegeben; die übrigen Artikel und Kurznachrichten der Seite sind weggelassen. Das genaue Datum des Vortrags nennt der Bericht nicht.
