---
Title: Neurose und Verbrechen
Description: Der Abend (Wien), Nr. 44, 22. Februar 1924, S. 4. Bericht ohne Verfasserangabe über Adlers Vortrag zugunsten der Internationalen Arbeiterhilfe im großen Saal der Genossenschaft der Bankbeamten, Wien, Februar 1924.
Author: Periodista sin firma
URL: https://adler.school/archivo/adler/cronicas/original/1924-02-22%20Neurose%20und%20Verbrechen
---


<!-- S. 4 -->

# Neurose und Verbrechen.

Mit einem Vortrag Dr. Alfred *Adlers* eröffnete die Internationale Arbeiterhilfe die Reihe von Vorlesungen, deren Erträgnis den hungernden Arbeitern Deutschlands zugute kommen soll. Der Vortrag fand im großen Saale der Genossenschaft der Bankbeamten statt. Eine große, geistig vornehme Gesellschaft fand sich ein, und Professor *Grünberg* konnte mit vollem Recht in seiner Eröffnungsrede seine Freude darüber ausdrücken, daß der Ruf des österreichischen Komitees einen opferfreudigen Widerhall in Wien fand.

Dr. Alfred Adler sprach über Verbrechen und Neurose. Diese Frage, die heute im Vordergrund der Anteilnahme steht, wurde in einer ganz neuartigen Beleuchtung dem Verständnis nähergebracht. Die neuere Seelenforschung hat erkannt, daß die Neurose keine Erkrankung sei, sondern eine Lebensmethode, die sich ausbildet wenn ein Mensch in seiner Kindheit mutlos gemacht, seinen Geltungstrieb dahin ausbildet, daß er sich Sicherungen gegen jede Prüfung im Leben schafft. Hiedurch vereinzelt, verliert er zwar nie die Sehnsucht nach der Gemeinschaft, doch bleibt er aus ihr ausgeschlossen. Es gibt keine Grenze zwischen Gesunden und an Neurose Leidenden, denn der Mensch an und für sich leidet am Gefühle seine Schwachheit, wird leicht mutlos. Es gibt auch keine besondere Gattung Mensch: der Verbrecher. Auch das Kind, das zum Verbrecher wird, ist immer eines, das entmutigt wurde. Nur hat die Abwehr gegen das erdrückende Gefühl der Minderwertigkeit hier eine andere Richtung, hier wird die geängstigte Seele die festgefügte Mauer der Gemeinschaft durchbrechen. Weder die Neurose, noch der Verbrecher wird von heute auf morgen dazu, was er ist. Beide bedürfen einer langen Zeit, bis sie ihre Lebensmethode ausbauen. Die wichtigste Folgerung, die aus dieser Betrachtungsart entspringt, ist die, daß Neurotiker und Verbrecher zum ordentlichen Leben wieder erziehbar sind. Die Strafe bewirkt das Gegenteil, sie bessert nie, sie entmutigt nur.

---

*Fuente:* *Der Abend* (Viena), n.º 44, viernes 22 de febrero de 1924, p. 4; crónica sin firma. Transcripción hecha sobre la imagen de la página (ANNO / Österreichische Nationalbibliothek), cotejada con el OCR de la ÖNB y con un OCR propio de Fraktur; ninguno de los dos recoge la línea «Verbrecher zum ordentlichen Leben wieder erziehbar sind. Die», que se lee en la imagen. Ortografía original; los nombres espaciados se dan en cursiva. Se respetan «am Gefühle seine Schwachheit» y la falta de coma antes de «wenn». El texto empieza al pie de la tercera columna y termina en lo alto de la cuarta. «Professor Grünberg» es probablemente el economista Carl Grünberg, que presidía el comité austriaco de la Internationale Arbeiterhilfe.
