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Title: Bemerkungen über die soziologischen Grundlagen des „männlichen Protests“
Description: Internationale Zeitschrift für Individualpsychologie (Wien) 3 (1925), H. 6 (November–Dezember), S. 307–310
Author: Vali Adler
URL: https://adler.school/archivo/adler-vali/original/1925-11%20Bemerkungen%20%C3%BCber%20die%20soziologischen%20Grundlagen%20des%20m%C3%A4nnlichen%20Protests
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<!-- S. 307 -->

<!-- En la S. 307, antes, termina el artículo de A. B., «Zum Problem der Selbstblockade durch männlichen Protest»; no se transcribe. -->

# Bemerkungen über die soziologischen Grundlagen des „männlichen Protests“.

Dr. VALENTINE ADLER (Berlin)

Die Aufdeckung des männlichen Protests steht am Anfang der individualpsychologischen Forschung und bildet einen ihrer wichtigsten Bestandteile. Am besten wird er wohl als ein gegen den Mann gerichteter Protest definiert, der sich gleichzeitig als Ziel die Erreichung der Männlichkeit stellt. Am deutlichsten tritt er aber bei *Frauen* in Erscheinung (und davon soll hier hauptsächlich gesprochen werden), obwohl auch dem Manne als Leitlinie seines Strebens das Ziel der Männlichkeit in positiver oder negativer Form vorschwebt. Ja, wir werden heute wohl kaum einen Menschen finden, dessen Stellung zum Leben, insbesondere aber zum Problem der Zweigeschlechtlichkeit — zumindest zeitweilig — nicht vom männlichen Protest stark beeinflußt war. Wird der männliche Protest allerdings der ausschlaggebende Faktor im Leben des Menschen, dann tritt die Neurose ein, da die Überspannung und Alleinherrschaft des männlichen Protests jeden Konnex mit der Realität des Lebens verlieren läßt.

Die große Rolle, die der männliche Protest im Seelenleben Gesunder wie Kranker spielt, führt uns dahin, seine Grundlagen in der *gesellschaftlichen Struktur* zu suchen. Die Entstehung und Entwicklung des männlichen Protests ist nämlich nur möglich in einer Gesellschaftsordnung, in der das männliche Geschlecht die Vormachtstellung innehat, die es heute in der Privateigentumsordnung besitzt. Mit der Vernichtung dieser Vormachtstellung fällt das Machtproblem „Mann-Weib“ fort und mit ihm seine dialektische Umwandlung, der „männliche Protest“.

Die männliche Vormachtstellung äußert sich nicht etwa nur durch tatsächliche Machtpositionen oder gesetzliche Sanktionen. Unser ganzes psychologisches Denken hat eine dementsprechende Ideologie entwickelt, die oft nur mit der größten Mühe auch bei den fortgeschrittensten Menschen zu überwinden ist. So unterscheiden wir heute als etwas ganz Selbstverständliches „weibliche“ und „männliche“ Eigenschaften, wir stellen gewisse Forderungen an einen Mann, die wir nie an eine Frau stellen würden, und umgekehrt, kurz, unser ganzes psychisches Denken ist von der Überzeugung durchdrungen, daß dem *biologischen* Unterschied von Mann und Frau auch eine durch die Natur bedingte *psychische und geistige Polarität* entspricht.

Es ist bereits von den sozialistischen Utopisten des 18. Jahrhunderts dargelegt worden, wie die wirtschaftliche Vorherrschaft des Mannes in der Bourgeoisie

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die Unterdrückung der Frau bedingt. Weiter ausgeführt wurden diese Gedankengänge insbesondere von Friedrich Engels („Ursprung der Familie“) und August Bebel („Die Frau und der Sozialismus“).

Von individualpsychologischer Seite her lassen sich diese Darlegungen dahin ergänzen, daß die Stellung der unterdrückten Frau in der Privateigentumsordnung *eine Verletzung der objektiven Wahrheit, der Gleichheit von Mann und Frau darstellt.* Aber keine „ewige Wahrheit“ läßt sich ungestraft unterdrücken; das Seelenleben revoltiert dagegen, und die Entwicklung des männlichen Protests bei Mann und Frau ist die Rache und Strafe für die Zurücksetzung des weiblichen Geschlechtes. Ein Blick auf die zahllosen „unglücklichen Ehen“ läßt seine verheerenden Wirkungen erkennen! Wie mannigfaltig auch die Kampfformen zwischen den Geschlechtern sein mögen, wobei von den Frauen sehr oft das Argument ihrer „Weiblichkeit“ als Kampfmittel angewandt wird, wieviel immer man von der Wesensverschiedenheit von Mann und Frau sprechen mag, bei längeren Disharmonien zwischen zwei Menschen verschiedenen Geschlechtes wird jeder Konflikt auch sachlicher Natur in einen Konflikt um die Frage des „Oben-unten“-seins verwandelt.

Durch alle oft geradezu mystischen Theorien über den Fetischcharakter des Gegensatzes von Mann und Weib wird nur die eine Tatsache verschleiert: daß nämlich die Frau, ausgeschaltet vom gesellschaftlichen Leben, ausgeschaltet als Aktivposten im Familienleben und reduziert auf die soziale Funktion der Fortpflanzung (und auch diese fällt in den Nachkriegsjahren immer mehr fort), durch ständige Protestaktionen „männlichen“ oder „weiblichen“ Charakters wieder in den Vordergrund gelangen will.

Fragen wir nun nach dem *Inhalt* dieser Polarität, so stoßen wir bereits auf die erste Schwierigkeit. Denn je nach der Klassenlage, dem Milieu usw., je nach der Verschiedenheit seiner Zielsetzung werden andere Eigenschaften als typisch „männlich“, respektive „weiblich“ bezeichnet. Im gewöhnlichen Sprachgebrauch gelten ungefähr folgende Eigenschaften als „männlich“: Kraft, Reichtum, Wissen, Sieg, Aktivität, Rücksichtslosigkeit usw. Demgegenüber stehen die als „weiblich“ bezeichneten Eigenschaften, und zwar: Güte, Geduld, Leiden, Kindlichkeit, Koketterie, Hingabe, Schönheit usw.

Wir sehen: ein Sammelsurium von Eigenschaften, die oft sogar Gegensätzliches fordern und die somit den Beweis erbringen, daß in Wirklichkeit hinter der Scheidung „männlich-weiblich“ etwas ganz anderes steckt als naturbedingte Geschlechtsunterschiede. In Wirklichkeit *dient jeder dieser herbeigesehnten und deshalb mit dem Glorienschein der „Männlichkeit“ respektive „Weiblichkeit“ ausgestatteten Züge nur einer Aufgabe: der Kompensation der eigenen Minderwertigkeit durch den Geschlechtspartner.* Daher die Verschiedenheit, oft auch geradezu Gegensätzlichkeit, der angeführten Merkmale! Daher aber auch die Möglichkeit ihrer Zusammenfassung und Reduzierung auf den Nenner „männlich-weiblich“. Denn gerade die ungleiche Stellung von Mann und Frau innerhalb der heutigen Gesellschaftsordnung bringt bei beiden Geschlechtern gewisse gemeinsame Zielsetzungen, entsprechend gewissen, als gemeinsam empfundenen Mängeln zum Vorschein, die dann unter dem Namen „männlich“ oder „weiblich“ zusammengefaßt werden.

Für die seelische und geistige Gleichheit von Mann und Frau spricht ferner die Geschichte der Menschheit von urkommunistischen Gemeinden mit Matriarchat an, in der die Frau Herrscherin gewesen ist und dementsprechend alle Eigenschaften entwickelt hat, die heute der Mann besitzt[^1], bis auf die heutigen Zeiten, in denen

[^1]: Neuerdings ist dieser Nachweis von Vaertings „Männerstaat und Frauenstaat“ geführt worden, ein Buch, das für die Zeit des Mutterrechtes äußerst interessante Tatsachen zutage gefördert hat.

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die berufstätige Frau fast alle Positionen erobert hat. Und in der Zwischenzeit, die immer als Beweis für die Leistungsunfähigkeit der Frau angeführt wird, sehen wir trotz aller tatsächlichen und moralischen Unterdrückung große Leistungen auf den verschiedensten Gebieten. Es sei hier nur daran erinnert, daß Frauen die Erfinder des Pflügens und Webens gewesen sein dürften und an die Leistungen der Nonnen in den Klöstern des Mittelalters, die innerhalb des ihnen gesteckten Rahmens Großes auf dem Gebiete der Kunst und Wissenschaft geleistet haben. (z. B. Roswitha.)

Ein dritter Beweis für die Nichtexistenz eines von der Natur gegebenen Unterschiedes von Mann und Frau ist die Tatsache, daß zumindest die *Größe* dieses Unterschiedes *je nach der Klassenzugehörigkeit* Wandlungen erfährt oder aber auch ganz wegfällt. So spielt z. B. im *Proletariat* die Scheidung „männlich“ und „weiblich“ und dementsprechend der „männliche Protest“ eine ganz andere Rolle als im Bürgertum. Allerdings darf das Proletariat hier *keineswegs als einheitliche Masse* gedacht werden. In breite Kreise des Proletariats ist die bürgerliche Ideologie wie in anderen Fragen so auch in dieser so tief eingedrungen, daß dieser bewußte Gegensatz ganz besonders stark in Erscheinung tritt.

Bei unserer Betrachtung handelt es sich aber um jene Schichten des Proletariats, in denen die Frau bereits aktiv auftritt, und zwar a) berufstätig, b) klassenbewußt ist. Die Berufstätigkeit der Frau genügt niemals, um ihr ihre unerdrückte Stellung zum Bewußtsein zu bringen. Sonst hätte der Emanzipationskampf der Frau gleichzeitig mit der Fabrikarbeit beginnen müssen. Dem war aber nicht so! Abgesehen von revolutionären Zeiten (französische Revolution) war die berufstätige Proletarierin von ihrer Minderwertigkeit so durchdrungen, daß sie sich als aktiver Faktor im gesellschaftlichen und persönlichen Leben völlig ausschaltete. Ihr Beruf wurde ihr zu einer zweiten Form der Unterdrückung. Es waren Frauen *bürgerlicher* Herkunft, die teils im bürgerlichen, teils im proletarischen Lager standen und dank ihrer größeren sozialen Sicherheit als erste die Gleichberechtigung und Gleichheit von Mann und Frau forderten. Wie sehr bei diesen an sich richtigen Forderungen der „männliche Protest“ der treibende Faktor war, wird klar, wenn man insbesondere an die Anfänge der *bürgerlichen* Frauenbewegung zurückdenkt: Äußerliche Verwahrlosung, Ablehnung der gesamten Männerwelt, Ablehnung von sexuellen Beziehungen oder volle Zügellosigkeit „wie ein Mann“, das waren die Devisen der beginnenden Frauenbewegung! Nicht auf Leistungen, sondern auf „Manngleichheit“, worunter man sich die verschiedensten Dinge vorstellte, war das Ziel gerichtet. Das charakteristische Merkmal dieses Kampfes war das Gefühl der Schwäche, das seine Kompensation im „männlichen Protest“ fand.

Derartige Auswüchse hat, von Einzelfällen selbstverständlich abgesehen, die proletarische Frauenbewegung nie gekannt. Denn ihr Kampf um Gleichberechtigung setzt erst nach dem Erwachen ihres Klassenbewußtseins ein oder, psychologisch ausgedrückt: Erst mit der Überwindung des Minderwertigkeitsgefühls durch das kollektive Selbstbewußtsein, das ist eben das *Klassenbewußtsein*, verschwindet in der Vorstellungswelt der Proletarierin die verschiedene Wertung von Mann und Frau. Das hat aber für den Charakter der *proletarischen Frauenemanzipation* (wenn man es überhaupt so nennen kann) eine ganz bestimmte Bedeutung: Im Gegensatz zur bürgerlichen Frauenbewegung steht hier die *Befreiung der Frau* keineswegs im Mittelpunkt, sondern reiht sich ein in den allgemeinen Kampf um Befreiung aus der Abhängigkeit. Die Gleichheit von Mann und Frau wird eine *Selbstverständlichkeit* und jede andere Auffassung als „kleinbürgerlich“ kurzerhand abgelehnt. Denn der proletarische Befreiungskampf bedarf der Solidarität von Mann und Frau, und diese Solidarität vernichtet das Schwächegefühl der Frau, die Wurzel des männlichen Protests einerseits und der eigenartigen Beschränktheit der bürgerlichen Frauenbewegung

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anderseits, die noch immer an besondere „Seelenkräfte“ der Frau glaubt. Mit einem Wort: erst der proletarische Klassenkampf läßt insbesondere in Zeiten seiner Zuspitzung die gesellschaftliche Unterscheidung der Geschlechter verschwinden.

Am weitesten fortgeschritten ist diese Erscheinung naturgemäß in Sowjetrußland, wo erst unlängst ein bürgerlicher Journalist mit Staunen berichtete, daß eine „Frauenfrage“ in Rußland nicht existiere.

Noch andere Umstände unterstützen das Verschwinden des männlichen Protests im Proletariat: Dem männlichen Proletariat kommt gesellschaftlich durchaus nicht die Stellung zu wie dem Manne der Bourgeoisie. Trotz seiner „Männlichkeit“ bleibt er der Unterdrückte, in der Fabrik, im Leben, ja bereits in der Schule! Die Männlichkeit erscheint also in diesem Kreise durchaus nicht als ein allzu begehrenswertes Ziel.

Ein anderer wichtiger Faktor für das schwächere Auftreten des „männlichen Protests“ im Proletariat ist die Tatsache, daß das Proletariat überhaupt weniger neurotisch ist als die Bourgeoisie. Auf die näheren Ursachen dieser Erscheinung hier einzugehen, würde zu weit führen. Nur auf die wichtige Rolle des Solidaritätsgefühles im Proletariat, im Gegensatze zur Bourgeoisie, sei in diesem Zusammenhange hingewiesen.

Und letzten Endes ist eben der Gegensatz: „Mann-Frau“ ein Ergebnis der Privateigentumsordnung und wird, abgesehen von Ausnahmen, als *soziale* Realität bestehen bleiben bis zu ihrem Zusammenbruche. Deshalb wird auch von ihren Verteidigern dieser „Antagonismus“ krampfhaft aufrechtzuerhalten gesucht, trotz aller persönlichen Katastrophen, die sich daraus organisch ergeben. Es entspricht aber nur einem Gebote der Logik, wenn Vertreter einer besseren Gesellschaftsordnung — zum Teil zumindest — die alte Ideologie liquidieren.

<!-- Sigue el artículo de Margarete Minor, «Ursachen und treibende Kräfte der Frauenbewegung im Lichte der Individualpsychologie»; no se transcribe. -->

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*Fuente:* transcripción a partir del facsímil de la *Internationale Zeitschrift für Individualpsychologie* (Viena), año 3 (1925), n.º 6 (noviembre-diciembre), págs. 307-310, en archive.org (izi-3-6); se partió del OCR de archive.org y se corrigió sobre la imagen. La cursiva reproduce el espaciado del original. Se conserva «unerdrückte» (S. 309), errata probable por «unterdrückte». La nota remite a Mathilde y Mathias Vaerting, *Neubegründung der Psychologie von Mann und Weib*, t. I: *Die weibliche Eigenart im Männerstaat und die männliche Eigenart im Frauenstaat* (Karlsruhe, 1921), citado habitualmente como «Männerstaat und Frauenstaat».
