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Title: Was die „Gleichheit“ den proletarischen Frauen zu sagen hat!
Description: Die Kommunistin. Halbmonatsschrift für die Interessen der arbeitenden Frauen (Berlin), 4. Jg., Nr. 12, 15. Juni 1922, S. 93–94; gezeichnet «Dina Schreiber»
Author: Vali Adler
URL: https://adler.school/archivo/adler-vali/original/1922-06-15%20Was%20die%20Gleichheit%20den%20proletarischen%20Frauen%20zu%20sagen%20hat
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<!-- Firmado con el seudónimo «Dina Schreiber». Según el Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) y la nota biográfica de los Beiträge zur Marx-Engels-Forschung (N. F., Sonderband 3), Vali Adler usó el seudónimo «Dina Schreiber» (Dina era su segundo nombre). -->

<!-- S. 93 -->

# Was die „Gleichheit“ den proletarischen Frauen zu sagen hat!

Die sozialdemokratische Partei Deutschlands hat längst den Anspruch aufgegeben, die Partei des revolutionären Proletariats zu sein. Sie vertritt kleinbürgerliche Schichten, denen jede eigene Schwungkraft mangelt, die haltlos zwischen Bourgeoisie und Proletariat hin und her schwanken.

Die „Gleichheit“ ist das typische Organ des Kleinbürgertums, das nicht wagt, an die wirklichen grundlegenden Ursachen heranzutreten, sondern nur über deren Wirkungen klagt und jammert, ohne sie jemals lösen zu können. Das Kennzeichen dieser Richtung ist das ständige Bemühen bei allen Frauenzusammenkünften, wie die „Gleichheit“ ausdrücklich erklärt, „den partei-politischen Tageskampf fernzuhalten, um Zeit und Kraft zu notwendiger positiver Arbeit zu gewinnen“.¹) Die berühmte „positive Arbeit“ der Mehrheitssozialisten, die sich in den Blättern der „Gleichheit“ widerspiegelt, sieht denn auch so aus, wie jede Arbeit heute aussehen muß, die den tagespolitischen Kampf bewußt ausschaltet.

So weiß die „Gleichheit“ nichts oder fast nichts von den alltäglichen Sorgen der Arbeiterfrau, von der ständigen Teuerung, den Steuern, dem Abbau des Achtstundentages, der drohenden Arbeitslosigkeit usw., die zur Revolutionierung des Proletariats führen. Denn das sozialdemokratische Frauenorgan wird von einer Schicht geführt, die ängstlich bemüht ist, die gegenwärtige Ordnung zu erhalten.

Schon das Aeußere weist darauf hin, daß das Blatt mit Proletarierinnen wenig zu tun hat. Da gibt es ein *Modeblatt*, das die Proletarierinnen und -Kinder mit „Frühjahrsmänteln aus grünem Tuch und schwarzen Tressen“, mit „Brautkleid aus Chinakrepp“ oder „weicher Seide“ versorgt, und das den Arbeiterfrauen, die oft kein Hemd zu tragen haben, und deren Kleider von ihren sämtlichen Kindern der Reihe nach getragen werden, in der heutigen Zeit dringendst rät, sich auf eigene, individuelle Art zu kleiden.²)

Abgesehen von dem Leitartikel, der ein ewiges Preislied des Arbeitseifers der Sozialdemokraten in der Regierung ist und ein Schmählied auf die Untätigkeit der sozialistischen Parteien außerhalb der Regierung (denn wo könnte man sonst Tatendrang beweisen, wenn nicht auf dem Ministersessel?), werden alle politischen Fragen aufs strengste vermieden. So wirft sich denn die „Gleichheit“ auf Fragen, die dem Blatt einen wesentlich „frauenhaften Charakter“ geben sollen. Da kommt als erstes die Erziehungsfrage an die Reihe. Gewiß ist proletarische Erziehung ein Kapitel von größter Bedeutung. Gewiß gehört es zu den schwersten Aufgaben innerhalb des bürgerlichen Klassenstaates mit seinen bürgerlichen Einrichtungen, wie Schule und Kirche, die Kinder zu revolutionären Kämpfern gegen das bestehende System zu erziehen. Und gewiß fällt diese Aufgabe zum großen Teil den Frauen zu, die meist mehr zu Haus sind und besonders auf die kleinen Kinder einen stärkeren Einfluß haben. Aber wie stellt sich die „Gleichheit“ zu dieser Frage? Es fällt ihr gar nicht ein, die Kinder zu Klassenkämpfern zu erziehen, im Gegenteil! Sie verlangt die „Erziehung im einheitlichen Geist, nicht einer Klasse, Konfession, Partei, sondern, wie unsere Verfassung sagt, im Geist des deutschen Volkstums und der Völkerversöhnung.“³) Und nach diesem schönen Grundsatz sind alle ihre anderen Artikel über Erziehung gehalten. Denn die gute „Gleichheit“ vergißt aus lauter Menschenfreundlichkeit, daß wir in einem Klassenstaat leben, daß „unsere“ Verfassung die Verfassung der Bourgeoisie ist, die wir aufs schärfste bekämpfen, um unsere proletarische Verfassung zu erobern. Sie fürchtet die Revolution und deshalb bleibt sie bei der Erziehung, die wir „unserer“ Verfassung verdanken, bei der republikanisch-bürgerlichen Erziehung verbrämt mit Hohenzollernlegenden und preußischer Kriegsbegeisterung. Nur der bewußte jugendliche Revolutionär wird gegen dieses Gift des kapitalistischen Staates aufkommen; der mit allgemeinen Phrasen über Volkstum usw. ausgerüstet ist, wird ihm unfehlbar unterliegen.

Einen besonderen Raum nimmt die religiöse Frage in den Blättern der „Gleichheit“ ein. Und auch hier zeigt es sich, wie stark die sozialdemokratische Partei mit den bürgerlichen, religiösen Vorstellungen verwachsen ist. Es ist eine alte Wahrheit, daß die Kirche eines der wichtigsten Verdummungsmittel der besitzenden Klasse gegenüber den Besitzlosen ist, daß sie, die ihren ganzen Reichtum aus den Pfennigen der Arbeitenden herausgepreßt hat, sich nur dadurch erhalten konnte, daß sie einen mystischen Glauben an ewige Gerechtigkeit und Güte verbreitete, der den Ausgebeuteten die geistige Möglichkeit nahm, sich gegen die von Gott gewollte Ordnung aufzulehnen. Deshalb hat jede revolutionäre Partei den Kampf gegen dieses Instrument der <!-- S. 94 -->Unterdrückung und Ausbeutung aufgenommen und darf die Religion und die Kirche nicht als Angelegenheit des einzelnen betrachten, sondern muß diese Institution, die eine notwendige Erfindung des kapitalistischen Staates zu seiner Erhaltung ist, ständig bekämpfen. Anders ist die Stellung der „Gleichheit“. Da sie die Arbeiterschaft in den Schlaf einlullen will, lehrt sie schon ihre Kinder, „was für ein schönes beruhigendes Gefühl es ist, zu denken, daß es einen liebenden Vater im Himmel gibt!“⁴) Zu gleicher Zeit setzt sie freilich hinzu, daß es so etwas in Wirklichkeit nicht gäbe, aber immerhin — es genügt, daran zu *glauben*, um von dieser herrlichsten aller Welten überzeugt zu sein. Und sie scheut sich auch, den Kampf gegen die Verdummungspolitik der Kirche aufzunehmen, weil „der Kampf gegen die Kirche viele abstößt!“ Also auf, Proletarierfrauen, in die sozialdemokratische Partei! Sie läßt euch den Glauben an Gott, König und Vaterland! Ihr dürft weiter eure mühselig erworbenen Groschen der Kirche spenden und euch dafür weiter von ihr verdummen lassen!

Und da sich die „Gleichheit“ nun einmal auf das Gebiet der Erziehung geflüchtet hat, nicht etwa, um die Jugend und die Frauen zum Kampf zu erziehen, sondern um dem politischen Tageskampf aus dem Weg gehen zu können, so sündigt sie auf diesem Gebiet unablässig weiter: selbstverständlich ist sie für sexuelle Aufklärung der Jugend, aber da sie nun einmal Erziehungs- und Kulturfragen losgelöst von allen sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen behandelt, wird sie unbedingt reaktionär. So sieht sie in zahlreichen Fällen die Prostitution nicht als ein Produkt der Verelendung im kapitalistischen Staat an, welche Mädchen und Frauen auf die Straße treibt, sondern sie läßt ihre Wut an den durch soziale Not verunglückten Frauen aus, und ihre bürgerliche Moral macht sich Luft in Entrüstungsrufen gegen diese „Vampyre, die im Grund ihrer Seele verlorene Weiber sind, gegen die Schande unseres Geschlechts“! Und losgelöst von allen Forderungen des heutigen Lebens will sie die Abtreibung im wesentlichen durch soziale Aufklärung aus der Welt schaffen, in einer Zeit, wo der nackte Selbsterhaltungstrieb und die Sorge um die bereits vorhandenen Kinder zahllose Proletarierfrauen zu diesem Schritt, als dem einzigen Ausweg vor dem Verhungern hindrängt.

Das zweite Kapitel, das in der „Gleichheit“ einen großen Raum einnimmt, ist die Wohlfahrtspflege. Und hier befindet sie sich bereits völlig im Lager der bürgerlichen Wohltätigkeit; denn die Wohltätigkeit der Sozialdemokratie dient nicht der Aufrüttelung der Massen durch Aufzeigen der Not und des Elends, sondern der Selbstbefriedigung gewisser Kreise und der Einschläferung der Arbeiterschaft angesichts so großer Güte und Erbarmens der sozialdemokratischen Partei.

Indem sie also bewußt den politischen Kampf ausschaltet, muß sie zwangsläufig den Zusammenhang mit den täglichen Lebensnotwendigkeiten verlieren und wird so bald schwärmerisch-utopisch, bald reaktionär, im allgemeinen unfähig, in das große Ringen zwischen Kapital und Arbeit entscheidend einzugreifen. Und dieser Ton des Nichtkönnens und der Zaghaftigkeit charakterisiert auch die Leser und Schreiber der „Gleichheit“. Da gibt es zahllose kleine Artikelchen, in denen über Sehnsucht, Wehmut, Einsamkeit in den sentimentalsten Tönen geklagt wird und aus denen die Hoffnungslosigkeit und Schwachheit der Anhänger der sozialdemokratischen Partei spricht. Und es kann gar nicht anders sein! Denn die sozialdemokratische Partei steht in der Uebergangsperiode vom Kapitalismus zum Kommunismus auf Seite der untergehenden Klasse. Und das macht all ihre Handlungen und Worte kraftlos und blutleer, das macht ihre Frauenzeitung zu einem Blatt, das bald halbsozialistische Redewendungen bringt und bald der öde und seichte Abklatsch der kapitalistischen Presse ist.

*Dina Schreiber.*

<!-- Notas al pie del original (las tres primeras al pie de la S. 93, la cuarta al pie de la S. 94): -->

¹) „Die Gleichheit“ Nr. 3, 1922.

²) „Die Gleichheit“ Nr. 7, 1921.

³) „Die Gleichheit“ Nr. 5, 1922.

⁴) „Die Gleichheit“ Nr. 8, 1921.

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*Fuente:* transcripción a partir del facsímil de *Die Kommunistin. Halbmonatsschrift für die Interessen der arbeitenden Frauen* (Berlín), órgano femenino del Partido Comunista de Alemania, 4.º año, n.º 12, 15 de junio de 1922, págs. 93-94, en archive.org (volumen «Die Kommunistin, IV. Jg., 1922»; imágenes de pliegos de dos páginas). El impreso está en Fraktur y la imagen es de baja resolución; se partió de un OCR tesseract (Fraktur) y se corrigió íntegramente sobre la imagen. Las cursivas reproducen el espaciado del original. Firmado «Dina Schreiber» al final: seudónimo de Valentine (Vali) Adler según el Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) y la nota biográfica de los *Beiträge zur Marx-Engels-Forschung*, Neue Folge, Sonderband 3.
